Freiburg im Breisgau


Die Entstehung des Psychoanalytischen Seminars Freiburg

Hans Morgenstern, 1990
 

Das 25jährige Bestehen des Psychoanalytischen Seminars Freiburg weckte den Wunsch, Erinnerung zu notieren und in Kurzform für heutige Angehörige des Seminars, ehemals Beteiligte und Gäste unserer Jubiläumsfeier verfügbar zu machen. Mit diesem Ziel haben sich 8 unserer Mitglieder, zumeist der Gründergeneration zugehörend, einen Abend lang zusammengesetzt, um Wissen, Erinnerung vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Die Teilnehmer dieser Runde waren: Wolfgang Auchter, Renate Belke, Barbara Harnasch, Käte Harder, Hans Morgenstern, Rosemarie Münzlaff, Irmgard Schilling und Raimar Schilling (leider erlaubt die gebotene Kürze keine Mitteilung des dabei utage getretenen Anekdotenschatzes, der mit den vielen unkonventionellen Verhältnissen der Frühzeit verknüpft ist) . Die Keimzelle des sich noch ungeordnet entwickelnden Interesses an der Psychoanalyse war um 1960 das Oberarztzimmer von M. Bister in der Psychiatrischen Universitätsklinik -eine in der damaligen deutschen Psychiatrie gänzlich ungewöhnliche Erscheinung, die durch den damaligen Ordinarius, Herrn Prof. Ruffin ermöglicht wurde, der diesem Interesse einiger seiner Mitarbeiter mit förderlichem Wohlwollen gegenüberstand und sich damit bleibenden Dank der Freiburger Psychoanalytiker verdient hat. Dieser Freiburger Glücksfall wurde noch ergänzt durch die Persönlichkeit des Ordinarius für Psychologie, Herrn Prof. Heiss, bei dem man eine ausgezeichnete Vorlesung über "Tiefenpsychologie" hören konnte. In der Bibliothek der Nervenklinik hielten Bister und Hans Goeppert Seminare über tiefenpsychologisch­psychoanalytische Themen (die "Märchenseminare" von Goeppert sind legendär geworden), daneben gab es Fallbesprechungen, und jeder versuchte, auf seine Weise an die Psychoanalyse heranzukommen. Die Gruppe der dergestalt interessierten Assistenten bestand aus Frau Schilling, Herrn Schilling, Frau Harnasch, Herrn Heising, Herrn Ohlmeier, Herrn Pohlen, Frau Münzlaff, etwas später Frau Belke und Frau Krejci (die dem unordentlichen Haufen zunächst eher skeptisch gegenüberstand). Seine Analysen suchte man sich bei Herrn Schotte, (einem Belgier, der in der Karlstrasse seine etwas unkonventionelle Praxis hatte), bei Herrn Schraml, der aus München von Riemann gekommen war, und bei Sarasin in Basel. 1962 schliesslich sprach sich herum, daß aus Berlin ein Lehranalytiker der DPV nach Freiburg gekommen war. Dies war die Ankunft von Herrn Auchter und Freiburg hatte nun seinen ersten und einzigen wirklichen Psychoanalytiker. Seine Couch wurde rasch der Ort, wo die Mehrzahl der vorhin Genannten ihre Analyse suchten. Gleichzeitig wurde seine Praxis in der Konradstraße der Versammlungsort für die kleine Gruppe derjenigen, die unter seiner Verhandlungs-und Federführung auf die Gründung eines Freiburger Seminars hinarbeiteten. Inzwischen hatte sich in Umkirch, auf Initiative des Internisten Prof. Heilmeyer, eine psychosomatische Klinik etabliert, die von Herrn Enke geleitet wurde, einem DPG-Mitglied, der 1964 Herrn Hau aus Göttingen nach Freiburg holte. Die DPG galt seit Anfang der 50-er Jahre in der Öffentlichkeit als die fortschrittlichere, aktivere und lebendigere Gruppe ("Neoanalyse" im Vergleich zur "orthodoxen" DPV). Es gab starke Bestrebungen seitens der DPG, eine Art DGPPT zu errichten, die bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen scheiterten schliesslich an der Unvereinbarkeit der Positionen. Für Herrn chter und seine Gruppe hatte die Sicherung der Unterstützung,welche sie seitens der DPV erfuhr (und im Falle eines Gemeinschaftsinstituts verloren hätte), unbedingte Priorität. So kam es Anfang 1965 zur Gründung eines DPG-Institutus und, ein halbes Jahr später,zur Gründung des Psychoanalytischen Seminars Freiburg. Eine bedeutende und hilfreiche Rolle hatte dabei der damalige Vorsitzende der DPV, Horst Eberhard Richter, dem es zu danken ist, daß die DPV den etwas unorthodoxen Seminarbetrieb mitgetragen hat. Schliesslich waren bei der Gründung des Seminars von den drei Gründungsmitgliedern zwei (Schraml und Goeppert) affiliierte Mitglieder. Damit war ein bis heute erkennbares Spezificum des PSF etabliert, nämlich die starke, tragende Bedeutung der affiliierten Mitglieder. 1968 wurde die Studentenberatungsstelle eröffnet und zunächst von Herrn Schilling als Ein-Personen-Betrieb geführt. Die spätere Erweiterung auf 4 Stellen bot Kandidaten des PSF eine Existenzgrundlage. Noch heute, jetzt unter der Leitung von Frau Krejci, kommen die Mitarbeiter überwiegend aus den Reihen des PSF. 1972, also 7 Jahre nach Gründung, kam mit Johannes Cremerius, dessen Lehrstuhl für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin weitere Ausbildungskandidaten anzog und ihnen Brot und Arbeit gab, das Ende des Notstands, in dem sich ein Seminar mit nur einem Lehranalytiker befindet. Die gewonnene Schwerkraft zeigte sich in den folgenden Jahren darin, daß in relativ rascher Folge weitere Lehranalytiker von auswärts (Ann Arbor, Tübingen, Ulm) sich in Freiburg niederliessen. Vielleicht stellt die Tatsache, daß mit einer Ausnahme (R.Schilling) die Freiburger Lehranalytiker , es sind heute acht, von ausserhalb gekommen sind, noch eine Freiburger Besonderheit dar, die unsere Integrationsfähigkeit gelegentlich auf die Probe stellt. Im Übrigen jedoch ist das PSF heute ein Institut wie andere in der DPV auch, und die Unverwechselbarkeit seiner Geschichte und seiner Atmosphäre war mit den Erweiterungen in der ersten Hälfte der Siebziger Jahre zuende gegangen. Dieser kurze Überblick darf aber nicht enden, ohne zwei bedeutsame Weisen der Hilfeleistung zu würdigen, die unser Seminar in seiner Aufbauphase erfahren hat: die eine ist die Zusammenarbeit mit dem Basler Seminar, das uns mit seiner Gastfreundschaft bei Veranstaltungen und mit der Verfügbarkeit von Lehranalytikern (Lambelet, Dreyfus in erster Linie) und Supervisoren unterstützt hat und zu dem nach wie vor freundschaftliche Beziehungen bestehen. Die zweite kam aus der DPV und wurde getragen von ausgezeichneten Kollegen, die sich zu regelmässigen Gastvorträgen, meist mit anschliessenden Supervisionen, bereit gefunden haben. Unsere Dankbarkeit gilt hier vor allem Herrn Loch, Herrn de Boor, Herrn Fürstenau, sowie, aus Bern, Herrn Blum. Die Nachbarschaft zu der Schweiz und zum Elsass hat eine Zeitlang Pläne entstehen lassen, mit Basel und Straßburg ein erstes europäisches psychoanalytisches Institut ins Leben zu rufen, dies liess sich jedoch nicht realisieren. 1976 konnten durch eine grosse finanzielle Anstrengung aller Mitglieder die Räume in der Schwaighofstrasse gemietet und benutzbar gemacht werden. Damit hatte der heute 25-jährige Jubilar auch äusserlich zur Unabhängigkeit des Erwachsenen gefunden. (Leider fehlt uns noch die Ergänzung der historischen Entwicklung bis zum heutigen Datum. Wir werden sie in den nächsten Wochen nachliefern.)