Freiburg im Breisgau


Die Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 -aus Sicht der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung

Bernd Münk

Vortrag bei der Veranstaltung „Zur Geschichte der Psychoanalyse in Freiburg“des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Freiburg,des Psychoanalytischen Seminars Freiburg,der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburgam 24. Juni 2005

 

Mein Beitrag soll einen Überblick geben über die Geschichte der Deutschen Psycho­analytischen Vereinigung und dann über die Entwicklung der klinischen Theorie in­nerhalb der DPV. In der kurzen Zeit wird nicht mehr als eine Skizzierung möglich sein.

Wie in der deutschen Nachkriegsgeschichte beginnt auch in der Psychoanalytischen Gemeinschaft die kritische Auseinandersetzung und Reflexion der Geschichte der eigenen Gruppenprozesse erst sehr spät – noch später als in der deutschen Gesell­schaft, nämlich nach 1977, dem Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Jerusalem –  und mit der Mitteleuropäischen Tagung der deutsch­sprachigen Psychoanalytischen Vereinigungen 1980 in Bamberg.

Aus diesem Grund verlangt mein Thema zunächst Kritik, soll es nicht Symptom ver­gangener Abwehr der eigenen Geschichte sein. Unsere Nachkriegsgeschichte beginnt eben nicht 1945 – oder für mich als DPV-Analytiker gar erst 1950 mit der Gründung der DPV. Mit 1945 zu beginnen entsprä­che einem „Weitermachen, als ob nichts geschehen wäre“. Die Entwicklung während des Nationalsozialismus ist einzubeziehen, um sehen zu können, dass nicht nur die Geschichte der psychoanalytischen Organisationen sondern auch die Rezeptionsge­schichte der Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 davon geprägt wurden.

Mit der Machtübergabe an die „Nationalsozialisten endete eine kreative Phase der Psychoanalyse in Deutschland, so wie diese sich vor allem in Berlin am dortigen Psychoanalytischen Institut entfaltet hatte. Im Zuge der Gleichschaltung trennten sich die nichtjüdischen deutschen Psychoanalytiker von ihren jüdischen Kollegen. Mit der Vertreibung der jüdischen Psychoanalytiker verlagerten sich zugleich die Zentren der Psychoanalyse und ihrer Entwicklung von Wien und Berlin nach London und New York. Die deutschen Psychoanalytiker wollten in der Mehrzahl die Psychoanalyse Freuds bewahren, mußten dabei aber, mehr oder weniger gezwungen, sowohl am Zusammenschluß der psychotherapeutischen Schulen als auch am Projekt einer „deutschen" Psychotherapie mitwirken. Die meisten verschlossen die Augen davor, daß ihre vielfältigen Kompromisse die Psychoanalyse in ihrem Kern verrieten. Psychoanalyse wurde dabei in ein nationales Projekt eingebunden, das auf dem Boden eines rassenbiologischen Denkens entwickelt werden sollte.“ (Bohleber, a.a.O. S. 20f) Diese Betrachtung impliziert z.T. schon selbst wieder einen Rettungsmythos. Es gab Vorstellungen, die Psychoanalyse retten zu können. Es ging aber auch um das legi­time Interesse des eigenen existenziellen und ökonomischen Überlebens. Am wei­testen in seiner Kritik geht Bernd Nitschke (1990), der auch die Haltung der Internati­onalen Psychoanalytischen Vereinigung und damit Freuds anprangert als unpolitisch und zu Kompromissen mit einem Regime bereit, mit dem Kompromisse zu schließen schon bedeute, sich ihm in Handlungen anzugleichen. Tatsächlich hatte der Interna­tionale Kongress in Luzern 1934 beschlossen, die Psychoanalyse streng von allem Politischen abzugrenzen. Politische Themen in den Analysen wurden tabuisiert und den Analytikern verboten, sich politisch zu betätigen. Marie Langer, Ausbildungskandidatin in Wien, drohte der Ausschluss von der Ausbildung, weil sie bei einer Demonstration gegen den Austrofaschismus verhaftet worden war. Nur der Fürsprache ihres Lehranalytikers und vielleicht dem Zufall, dass auch der Sohn des Ausbil­dungsleiters gerade verhaftet war, hatte sie zu verdanken, dass sie ihre Ausbildung fortset­zen durfte.1

Von den 1933 noch 56 Mitgliedern der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft wurden 42 aus der DPG ausgeschlossen, weil sie Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze waren.2 Die Übrigen gingen im Reichsinstitut für Psychologische Forschung und Psychotherapie auf, dem sogenannten Göring-Institut, benannt nach seinem Lei­ter Heinrich Göring, einem Vetter des Reichsmarschalls. 1938 wurde die DPG aufgelöst.

Die Atmosphäre von Gleichschaltung und Anpassung, Verbot der Verwendung psy­choanalytischer „jüdischer“ Terminologie – Freuds Schriften waren verschlossen und konnten nur nach Registrierung des Benutzers eingesehen werden – und das Abgeschnittensein vom internationalen Gedankenaustausch beeinflussten auch die Theorieentwicklung. Das zeigt, wie recht Freud gehabt hatte mit seiner Bemerkung: „Man gibt zunächst in der Terminologie nach und sehr bald dann, ohne es zu merken an­fänglich, auch in der Sache.“ (S. Freud, zit. n. L. Hermanns)
Eine der folgenschweren Entwicklungen der klinischen Theorie dieser Jahre war die Begründung der Neoanalyse durch Harald Schultz-Hencke, eines nach den Schilde­rungen seiner Schüler fesselnden Lehrers. Seine Modifikationen der Psychoanalyse kamen der seelenheilkundlichen Einheitssprache des Nationalsozialismus entgegen.

Schon 1945 wurde die DPG von den im Reichsinstitut überlebenden Analytikern neu konstituiert. Regine Lockot spricht von einer Phase der „Fortsetzung des Opportu­nismus“ bis 1950. Man passte sich den Alliierten an, versuchte sich bei jedem offiziellen Kontakt politisch ins rechte Licht zu setzen. So wurde z.B. berichtet, das Institut sei bei einem Luftangriff zerstört worden. In Wirklichkeit hatten russische Soldaten das Gebäude angezündet, nachdem sie aus dem als Lazarett beflaggten Reichsinsti­tut von der SS beschossen worden waren.3

Die Erfolge – u.a. bei der finanziellen Absicherung, der Gründung des AOK-Instituts Berlin – schienen der neuerlichen Anpassung recht zu geben.
Bei der Gründung der DGPT 1949 hieß es in einem Rundbrief der DPG, dass „die  in der Ostzone lebenden Mitglieder … keine Aufforderung zum Beitritt erhalten sollen“. (zit. n. Lockot, a.a.O. S. 155)  (Es ist meine persönliche Assoziation, dass ich dabei an den erst wenige Jahre zurückliegenden Ausschluss der jüdischen Mitglieder denke.)

Die Mitschuld am Geschehenen wurde verleugnet und über die Zeit im Reichsinstitut herrschte besagter Rettungsmythos vor. Interne Berichte vom Internationalen Kon­gress in Zürich 1949 zeigen deutsche Analytiker „merkwürdig blind für die Verfas­sung ihrer ehemaligen Kollegen,  die Deutschland hatten verlassen müssen.“ (Lockot, a.a.O. S. 140).

Innerhalb der DPG standen in den Nachkriegsjahren zwei Strömungen gegeneinan­der: die eine versuchte, die Entwicklung in Richtung einer Psychotherapie, wie sie in der NS-Zeit begonnen hatte, fortzusetzen; – die andere trachtete, die Psychoanalyse von anderen psychotherapeutischen Richtungen zu befreien und Anschluss an die inzwischen erfolgten internationalen Entwicklungen zu finden. In beiden Strömungen aber gab es keinen Raum für eine Reflexion der gemeinsamen Vergangenheit im Nationalsozialismus, der Kollaboration, der eigenen ideologischen Empfänglichkeit und der dort erhaltenen Begünstigungen.

„Vor der Öffentlichkeit des ersten IPV Nachkriegskongresses in Zürich 1949 de­monstrierten Schultz-Hencke und Müller-Braunschweig die Spaltung in Psychoanaly­se und Neoanalyse im Rahmen der DPG …“ (Hermanns, a.a.O. S. 38) Die Folge war, dass die DPG nur provisorisch in die IPV aufgenommen wurde. Müller-Braunschweig, damals DPG-Vorsitzender, drängte Schultz-Hencke zum Austritt aus der DPG. Da das vergeblich war, bildete er eine eigene Fraktion, handelte heimlich Beitrittskonditionen mit dem Präsidenten der IPA aus und gründete im Sommer 1950 zusammen mit 5 weiteren Mitgliedern die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Der erhoffte Übertritt anderer Nicht-Neoanalytiker blieb aus. So waren die Anfänge der gerade gegründeten DPV eher bescheiden. Doch schon im folgenden Jahr ge­lang nun nach der Trennung von der Neoanalyse die Aufnahme in die IPA.

Bis in die 80-er Jahre, und in manchen Belangen darüber hinaus, standen sich – abgesehen von gemeinsamkeitlichem Vorgehen in der Berufspolitik – DPG und DPV misstrauisch gegenüber. Elemente, die nicht dem Gruppenideal entsprachen, konn­ten der je anderen Gruppe zugeschrieben werden. Während die DPG in der Nachfol­ge Schultz-Henckes für sich reklamieren konnte, „>modern< und klinisch-praktisch kompetent zu sein und sich damit von Freud abwandte, galt die DPV als >orthodox<, anspruchsvoll und, mit ihrer Anbindung an die traditionale internationale psychoana­lytische Gemeinschaft, “ wie „>gereinigt< von der Schuld nationalsozialistischer Kor­rumption.“ (Lockot, a.a.O. S.144)

In der DPV wurde die fachliche Korrumpierung durch die NS-Psychotherapie vor al­lem Schultz-Hencke angelastet, was der Entlastung des „unschuldigen“ Restes dien­te, der sich selbst ebenso politisch und fachlich angepasst hatte.

Die DPV war in ihrer anfänglichen Entwicklung sehr auf die Unterstützung von Lehr­analytiker und Supervisoren aus dem Ausland angewiesen, ohne die ihre Entwick­lung und Blüte nicht möglich geworden wäre. Damit und mit der Abwehr von Schuld­gefühlen ging einher, sich geradezu als eine Art „Musterschüler“ der IPA anzudienen.

So manches Mal noch während meiner Ausbildungszeit hatten wir Kandidaten den Eindruck
als werde besonders in Ausbildungsfragen nach dem großen Bruder in den USA oder in London geschielt. Ich erinnere: beim Internationalen Kongress in Helsinki 1983 war die DPV heftig kritisiert worden ob ihrer enormen Zahl von Ausbildungskandidaten. Diese Quantität müsse auf Kosten der Qualität der Ausbildung gehen. Umgehend wurde in der DPV eine Erhebung begonnen über die Relation der Anzahl von Lehranalytikern und Ausbildungskan­didaten. Das Psychoanalytische Seminar Freiburg lag mit etwa 1:7 und fast 50 Ausbildungs­kandidaten im unteren Mittelbereich der Institute. Schon bald setzten sich bei uns wie an anderen Instituten strikteste Aufnahmepraktiken durch. Nicht nur wurde die Zahl der Kandi­daten gesenkt; es wurden leider auch Kollegen abgelehnt, die wir heute gerne in unseren Reihen sähen.

Bis zum Ende der 50-er Jahre war die DPV fast identisch mit dem Berliner Institut. Seit 1955 entstanden die ersten Arbeitsgruppen in Heidelberg und Hamburg. “Alexander Mitscherlich, ein junger Privatdozent der Neurologie an der Heidelberger Universität, der in der Nazizeit wegen Unterstützung einer „nationalbolschewisti­schen“4 Widerstandsgruppe acht Monate im Zuchthaus gesessen hatte, begann sich beim Aufbau einer psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg zunehmend für Freud zu interessieren. Anfang der fünfziger Jahre kam er von einem For­schungsaufenthalt in den USA als „überzeugter Freudianer" zurück. Durch seine Teilnahme als Beobachter und Berichterstatter bei den Nürnberger Ärzteprozessen, über die er“ 1949 eine heute fast vergessene Buchdokumentation mit dem Titel „Me­dizin ohne Menschlichkeit5  „vorlegte, war er in Teilen der deutschen Ärzteschaft in den Ruf eines „Nestbeschmutzers" geraten, was seine akademische Karriere gefähr­dete.“ (Hermanns, a.a.O. S. 39f)

“Wenn man sich vorstellt, daß es zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt keinen einzigen praktizierenden Analytiker Freudscher Schule gab, so klingt das, was Mitscherlich in der Folgezeit in Frankfurt bewegte, wie ein modernes Märchen. Enttäuscht von der Universität, gelang ihm 1959 in der „kulturellen Nachkriegswüste" der Bundesrepublik (Jürgen Habermas, zit. n. Berger, a. a. O., S. 337) die Gründung eines staatlichen „Instituts und Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatische Medi­zin" in Frankfurt. Mitscherlich baute das Sigmund-Freud-Institut, wie es ab 1964 hieß, zum größten deutschen psychoanalytischen Institut und zu einer sozial­psychologischen Forschungsstätte aus.“ (Hermanns, a.a.O. S. 40)

Die zwischen 1960 und 1962 auf Deutsch erschienene Freudbiographie von Ernest Jones, „in der die reichsdeutschen Psychoanalytiker in einem anderen Licht darge­stellt wurden, als in Deutschland tradiert“, führte genausowenig zu einer umfassende­ren Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit wie die 1967 publizierte Arbeit „Die Un­fähigkeit zu Trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich6. Dabei hatten die Mitscherlichs doch „klinische Konzepte der Psychoanalyse zum Verständnis des Er­innerungstabus in der Nachkriegszeit und des psychosozialen Immobilismus der da­maligen bundesrepublikanischen Gesellschaft fruchtbar gemacht und damit den Ruf der Psychoanalyse als Instrument gesellschaftlicher Aufklärung begründet.“ Sie hat-ten „die Abwehr der Derealisierung und eine emotionale Abkapselung als Schutz vor einer massenhaften Melancholie als Folge des Zusammenbruchs eines idealisierten Führerbildes beschrieben.“ (Bohleber, a.a.O. S. 30f) Vielleicht fand diese Arbeit tat­sächlich größerer Resonanz in der Studentenbewegung für die Auseinandersetzung mit der Generation der eigenen Väter als in der psychoanalytischen Gemeinschaft und auch der DPV. Von daher verwundert es nicht, wenn später gefragt wird, ob Mit­scherlich als kritischer Beobachter der Nürnberger Prozesse7 nicht auch eine Fei­genblattfunktion für die DPV im Nachkriegsdeutschland hatte.

Mit der Gründung neuer Ausbildungsinstitute in den 60-er Jahren –  in Giessen, Frei­burg, Tübingen, Ulm, Köln/Düsseldorf, Kassel – wuchs die DPV rapide. Zählte man 1960 nur knapp 20 Mitglieder waren es 1970 schon 130 und 1980 bereits 350.

Anders als in den 20-er Jahren verschlossen sich die meisten analytischen Institute der Gesellschaftskritik, die nun seit 1968 aus der Studentenbewegung zu ihnen drang. Wolgang Loch, so Eberhardt Richter, „erklärte mir … die 68-Bewegung als eine von Moskau aus inszenierte und gesteuerte Kampagne zur Destabilisierung der westdeutschen Verhältnisse. … Sogar Alexander Mitscherlich … betrachtete die Ju­gendrevolte eher als klinisches Phänomen.“ (Richter, a.a.O. S.170)

Dennoch erlebten die analytischen Institute in der Folge der Studentenbewegung in den 70-ern einen Ansturm von Ausbildungsbewerbern. Denn „die psychoanalytisch­marxistische Haltung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wurde … von Tei­len der Studentenbewegung begeistert aufgenommen.“ (Lockot, a.a.O. S. 145)
Was die DPV damit aber noch nicht erreicht hatte, war die kritische Auseinanderset­zung mit der NS-Vergangenheit der Väter, die die Studentenbewegung in Deutsch­land losgetreten hatte.
„Der nachhaltige Umbruch in der Psychoanalyse in Deutschland zu Beginn der acht­ziger Jahre wurde durch eine andere Entwicklung ausgelöst.“ Beim Kongreß der In­ternationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) in Jerusalem 1977 wurde die Einladung der DPV, zum nächsten Kongress nach Berlin zu kommen, zurück­gewiesen. Heftige emotionale Reaktionen zeigten, „daß die Vergangenheit für die jüdischen Kolleginnen und Kollegen keinesfalls vergangen war. Diese nicht bearbei­tete Problematik explodierte geradezu auf der Tagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen Vereinigungen in Bamberg 1980. Verleugnung und Verschweigen brachen auf.“ Die Wiederveröffentlichung einer Arbeit von Carl Müller-Braunschweig aus dem Jahre 1933 über „Psychoanalyse und nationalsozialistische Weltanschau­ung“ dokumentierte die NS-Verwicklung von Gründervätern der DPV. „ Nach 1980 wurden von den jüngeren Analytikern Fragen an sie gestellt: Wie sie angesichts der Verbrechen … an den Juden … mit den Schuldgefühlen gegenüber den jüdischen Repräsentanten der Psychoanalyse umgingen. Was sie fühlten, als Emigranten zu­rückkamen, um sie Psychoanalyse zu lehren. Welche Auswirkungen die Schuldge­fühle für die eigene psychoanalytische Identitätsbildung hatten. … Dieser ganze Komplex von Fragen und Schuldgefühlen hatte den dynamischen Untergrund gebil­det, auf dem eine Idealisierung der Psychoanalyse erwachsen war, die dann der nächsten Generation gelehrt wurde. Die jungen Analytiker erlebten ihrerseits Selbst­zweifel und eine innere Entwertung, ob sie diesem Ideal gewachsen sein könnten, und hatten mit unflexiblen, rigiden Einstellungen zu kämpfen, ohne den untergründi­gen Zusammenhang mit den Schuldgefühlen ihrer Lehrer zu begreifen.“ (Bohleber, a.a.O. S. 28f)

Eine dramatische Kontroverse innerhalb der DPV fand nun endlich statt und wurde in der Psyche publiziert.8 Ausbildungskandidaten und jüngere DPV-Analytiker zeigten in einer Ausstellung anlässlich des ersten, nach dem Krieg  auf deutschem Boden statt­finden IPA-Kongresses in Hamburg 1985 dezidiert die Geschichte der Psychoanaly­se im Nationalsozialismus und mithin auch den Opportunismus und die Anpassung deutscher Psychoanalytiker. Titel der Ausstellung war: „Hier geht das Leben auf eine merkwürdige Art weiter …“

Werfen wir nun einen Blick auf die Entwicklung der klinischen Theorie in der DPV.

Der Wunsch, zu Freud zurückzukehren, verlangte nicht nur eine Abwendung von der NS-Seelenheilkunde und ihrer Vermischung psychotherapeutischer Schulen. Er er­forderte  auch eine Auseinandersetzung mit philosophischen Einflüssen, maßgeblich mit dem Begegnungsbegriff Martin Bubers und Einflüssen der Existenzphilosophie und Daseinsanalyse, die „gefühlskalte Naturwissenschaft“ und „echte Begegnung“ gegeneinander gestellt hatten. Psychoanalytische Haltung war als mechanistisch oder technisch diskreditiert. 9 Demgegenüber vertrat Mitscherlich zu Beginn der 50-er Jahre eine naturwissenschaftlich verstandene Ich-Psychologie, wie sie Heinz Hart­mann in den USA geprägt hatte. Sie half den deutschen Analytikern, sich von alten spekulativen Begrifflichkeiten zu lösen. Leider gingen dabei aber auch frühe Ansätze einer Psychoanalyse der Intersubjektivität verloren.

In den 50-er und 60-er Jahren herrschte die Ich-Psychologie vor. Andere Richtungen wie die Objektbeziehungspsychologie oder die Kleinianische Psychoanalyse waren zwar durch Dozenten und Supervisoren aus dem Ausland vertreten, wurden aber nicht aufgegriffen. Es ist naheliegend, dass sich darin eine Identifizierung mit Freud und seiner als Begründerin der Ich-Psychologie geltenden Tochter Anna äußerte; eine Identifikation, die der Abwehr eigener Schuldgefühle gegenüber den jüdischen Gründern diente.

Eigenständige Entwicklungen der Psychoanalyse in Deutschland waren Arbeiten zur Psychosomatik, Sozialpsychologie und gesellschaftskritischen Psychoanalyse. Ge­nannt seien vor allem Alexander und Margarete Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter.10

Aufbauend auf der Ich-Psychologie entwickelten Alfred Lorenzer und Hermann Arge­lander das Konzept des „Szenischen Verstehens“, „das sich von der natur­wissenschaftlichen Fundierung in der Ich-Psychologie löste und eine psychoanalyti­sche Hermeneutik begründete.“ (Bohleber, a.a.O. S. 24)  In seiner Bedeutung blieb es auf Deutschland beschränkt. In der Szenischen Information, die der Patient dem Analytiker als Leistung der „szenischen Funktion des Ich“ bietet, versucht dieser un­bewusste Phänomene zu entschlüsseln, wobei sich die Bedeutung eben nicht mehr allein im sprachlichen Ausdruck finden lässt. Die szenische Funktion des Ich schafft nicht eine einfache Reproduktion infantilen Erlebens sondern inszeniert solches der interaktionellen Situation entsprechend. Beim szenischen Verstehen gewinnt die Ge­genübertragung als Instrument des Analytikers eine herausragende Bedeutung. – Dieses Konzept hob die positivistische Perspektive des Analytikers auf und nahm als interaktionelles Modell mit einer eigenen Theorie der Übertragung moderne Auffas­sungen vorweg, war seiner Zeit also voraus.11

Die Objektbeziehungstheorie wurde in der DPV seit den 60-er Jahren zunächst vor allem über Michael Balints Arbeiten rezipiert.
Wolfgang Loch schuf eine eigene Synthese aus der Ich-Psychologie, der Objektbe­ziehungstheorie und der Hermeneutik. Die psychoanalytische Methode als For­schungsmethode besitzt, in ihrer Suche nach der Frage der Wahrheit begründet, eine therapeutische Wirkung.
„Loch versteht die pathologischen seelischen Manifestationen des Patienten als chiff­rierte Mitteilungen und als einen zu interpretierenden Text. Dieser Text stellt eine Antwort auf eine Frage dar, die wir nicht kennen, aber verstehen müssen, um Wort und Verhalten des Patienten interpretieren zu können. Jedem Verstehen vorauslau­fend ist ein Vorverständnis des Textes, das der Interpret mitbringt, und nur indem er dieses Vorverständnis reflektiert, ist ein Verständnis des Textes überhaupt möglich.“ (Bohleber, a.a.O. S. 26)
In seiner Konzeption des analytischen Prozesses umschließt die analytische Situati­on für Loch „virtuell stets drei Personen, den Patienten und den in zwei Beziehungs­figuren aufgespaltenen Analytiker, nämlich in die des Übertragungsobjekts und in die des Objekts, das eine exzentrische Position einnimmt, um die Übertragung explizit zu machen und sie benennen zu können. Die Deutung ist das dritte Element der psy­choanalytischen Situation.

… Deutung schafft auf diese Weise eine neue, von beiden geteilte Realität. Um einen Konsens darüber zu erzielen, muß es einen gemeinsamen Rahmen geben. Er be­steht darin, daß beide, Analytiker und Patient, stillschweigend eine von ihnen unab­hängige Realität voraussetzen, die auch die Idee des wahren Lebens einschließt. (Loch, 1974). Loch bezieht hier eine Mittelstellung zwischen der klassischen Auffas­sung von Übertragung als Wiederfinden des Vergangenen und der modernen Auf­fassung als einer Schöpfung von Analytiker und Patient in der analytischen Bezie­hung.“ (Bohleber, a.a.O. S. 26f)

Hervorgehoben wurde die Bedeutung der kurativen Wirkung der analytischen Bezie­hung auch von Johannes Cremerius, der ebenfalls der Objektbeziehungstheorie Ba­lints verbunden war. In Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Standardmo­dell analytischer Technik, die fälschlicherweise als Freuds eigene gegolten hatte, zeichnete er Freuds wirkliche Analysepraxis nach. Gegen das Primat technischer Regeln setzte er ein prozessuales Verständnis, in dem Regeln relativiert werden in ihrer Einbettung in die Gestaltung der analytischen Beziehung und ausgerichtet sind auf die Ziele des analytischen Prozesses.

Die Beschäftigung mit schweren Persönlichkeitsstörungen in den 70-er Jahren führte in der DPV zu einer Technik-Debatte, in der es mehr um die Besorgnis um die „es­sentials“ gegenüber deren Bedrohung durch geänderte Psychotherapietechniken ging als um eigene kreative Forschung. Vielleicht lag in dieser Ängstlichkeit noch einmal die Furcht verborgen, in das überwunden geglaubte Psychotherapiekonglo­merat der NS-Zeit abrutschen zu können. So wurden denn vorwiegend Ansätze der internationalen Forschung rezipiert wie Kohuts Selbstpsychologie, Kernbergs Arbei­ten über Borderline – und narzisstische Störungen und seit Beginn der 80-er Jahre auch die der Kleinianische Psychoanalyse. Zu deren längst fälliger Beachtung in der DPV mag auch fördernd beigetragen haben, dass – nach dem schon oben erwähn­ten Umbruch der 80-er Jahre – eine enttäuschte Abwendung von der in den Natio­nalsozialismus verwickelten eigenen Tradition zu Idealisierungen der ausländischen Psychoanalyse geführt haben mag.
Auf die neuere Traumaforschung  will ich nur noch insoweit eingehen als ich erwäh­ne, dass sie ihrerseits zeigt, „daß eine Unfähigkeit zu trauern und eine emotionale Abkapselung Folgeerscheinungen von Traumatisierungen sein können“. (Bohleber, a.a.O.S. 31) – Und eben daran hatte auch die DPV zu leiden.
Dem dynamischen Verständnis der Traumaforschung war Alfred Lorenzer in den 60­er Jahren mit seinem an Kriegstraumatisierungen gewonnenen Konzept der zwei­phasigen Abwehr schon sehr nahe gekommen.

Ich komme zum Schluss und fasse zunächst zusammenfassen:
“Die Psychoanalyse hat in Deutschland nach ihrer Zerstörung durch den Nationalso­zialismus ein erstaunliches Wachstum erlebt und sowohl als klinische Methode als auch in den Nachbarwissenschaften und als Methode der gesellschaftlichen Aufklä­rung Anerkennung erfahren. Sie hat wegen ihrer Verstrickung in das NS-Regime und deren spätere Verdrängung einen schmerzlichen Reflexionsprozeß durchlaufen. Ob­wohl sie sich heute mit ihren wissenschaftlichen Leistungen und ihrem klinischen Ni­veau international nicht zu verstecken braucht, wirkt die traumatische Bruchstelle im Nationalsozialismus durch den Holocaust und den Krieg noch heute als eine Wunde, die sich nicht schließen kann.“ (Bohleber, a.a.O. S. 31f)
Umso wichtiger sind die ständige Reflexion und der ständige Austausch, derer nun seit Jahren stattfindet in Gruppenkonferenzen - zwischen deutschen und israelischen Psychoanalytikern, in einer eigenen Organisierung jüdischer Psychoanalytiker in Deutschland, in Gruppenkonferenzen zwischen DPG und DPV - und seit der soge­nannten Wende auch in Konferenzen und Tagungen zwischen west- und ostdeut­schen Analytikern.

In letzteren mag dann auch Aufklärung möglich werden, welche theoretischen und klinischen Differenzen zwischen Ost und West verstanden werden müssen aus dem Umstand, dass in der DDR „Schultz-Henckes Psychoanalyseverständnis … weitge­hend als psychoanalytische Grundlage weiterer Entwicklungen rezipiert worden war“ und begonnen hatte, „dort das Freudsche Konzept zu verdrängen.“ (Lockot, a.a.O. S. 143)

Anmerkungen:
1 Mündliche Mitteilung Marie Langers. Publiziert in ihren Erinnerungen: LANGER, M. (1986): Von Wienbis Managua. Wege einer Psychoanalytikerin. Freiburg i.Brg. (Kore)
2 Lange war unter den Nachkriegsanalytikern verbreitet worden, die jüdischen Mitglieder seien freiwil­lig ausgetreten, um die Existenz der DPG nicht zu gefährden.
3 Lockot (a.a.O. S. 139f) interpretiert diese Geschichtsklitterung in dem Sinne, dass sich mit dem My­thos eines angeblich bis auf die Grundmauern zerstörten Instituts, eine neue DPG wohl besser auf einem völlig zerstörten Reichsinstitut aufbauen ließ. – M.E. lassen sich aber noch weitere Aspekte annehmen: Erstens wird vermieden, dass das Institut in einem Atemzug mit der SS genannt wird. Zweitens könnte man hier den alten Opportunismus in neuem Gewand vermuten: Man will es nicht mit den neuen Machthabern verderben und verschweigt, dass russische Soldaten das Institut anzünde­ten.
4 Diese Anführungszeichen im Zitat wurden von mir gesetzt. (B.M.)
5 MITSCHERLICH, A. und MIELKE, F. (Hrsg.) (1949): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente desNürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt a.M. (Fischer Tb) 1960
6 MITSCHERLICH, A. und M. MITSCHERLICH (1967): Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollek­tiven Verhaltens. München (Piper)
7 siehe Anmerkung 4
8 Psyche 11 (1982) und 12 (1983): „Psychoanalyse unter Hitler“.Redaktion der Psyche (Hrsg.) (1984): Psychoanalyse unter Hitler. Dokumentation einer Kontroverse.Sonderdokumentation zu dem „Offenen Brief“ von U. Ehebald vom 9.2.1984.Psyche 6 (1997): Beiträge von Mitscherlich, Vogt, Bohleber und Brede
9 vgl. Bohleber, a.a.O. S 21-23
10 vgl. Bohleber, a.a.O. S 24
11 vgl. Bohleber, a.a.O. S 24f

Literatur:
BOHLEBER, W. (2001 ):Die Gegenwart der Psychoanalyse. Zur Entwicklung ihrer Theorie und Behandlungstechnik nach 1945. in: BOHLEBER, W. und DREWS, S. (Hrsg.): Die Gegenwart der Psychoana­lyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Klett-Cotta, Stutt­gart 2001
BRECHT, K., FRIEDRICH, V., „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise wei-HERMANNS, L., KAMINER, I. JUE-ter ….“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. LICH, D. (1985): Ausstellungskatalog. Hamburg (Michael Kellner) – (von mir verwendet: die englischsprachige Ausgabe)
HERMANNS, L. M. (2001):Fünfzig Jahre Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland 1950 bis 2000. in: BOHLEBER, W. und DREWS, S. (Hrsg.): Die Ge­genwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Ge­genwart. Klett-Cotta, Stuttgart 2001
NITZSCHKE, B. (1990):Psychoanalyse und Macht im „Dritten Reich“ - Versuch die historische Realität oder wenigstens einige (Rettungs-) Phan­tasien davon zu rekonstruieren. in ZEPF (Hrsg.): „Wer sich nicht bewegt, der spürt auch seine Fesseln nicht“. Nexus 1990
LOCKOT, R. (2000):Psychoanalytiker eignen sich ihre deutsche Geschichte an.in: SCHLÖSSER, A.-M. und HÖHFELD, K. (Hrsg.) (2000): Psychoanalyse als Beruf. Giessen (Psychosozial-Verlag)
RICHTER, H.-E. (2000):Psychoanalyse in der Gesellschaft. Eine persönliche Rück­schau. in: SCHLÖSSER, A.-M. und HÖHFELD, K. (Hrsg.) (2000): Psychoanalyse als Beruf. Giessen (Psychosozial-Verlag)