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Wissenswertes über das PSF:
Texte über
die Geschichte
des PSF.
Wir möchten in diesem Teil unserer Homepage einen Einblick geben in geschichtliche Zusammenhänge der Psychoanalyse in Deutschland und in Freiburg. Dazu finden Sie hier Zugang zu mehreren Arbeiten von Mitgliedern des PSF, die in diesen Rahmen passen.
Außerdem finden Sie eine Liste der Vorsitzenden und der Leiterinnen und Leiter des Ausbildungsausschusses des PSF seit seiner Gründung.
Bernd Münk*: Die Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 - aus der Sicht der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung
Hans Morgenstern: Die Entstehung des Psychoanalytischen Seminars Freiburg
Thomas Bender*: Das Psychoanalytische Seminar Freiburg. Geschichte, Ziele, Inhalte, Leitgedanken der Aus- und Weiterbildung
Die Vorsitzenden und die Leiter des Ausbildungsausschusses des PSF seit seiner Gründung
* Vorträge einer Veranstaltung am 24.06.2005 in den Räumen der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Freiburg mit dem Thema: Zur Geschichte der Psychoanalyse in Freiburg

Bernd Münk: Die Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 - aus der Sicht der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung:
Mein Beitrag soll einen Überblick geben über die Geschichte der Deutschen Psycho­analytischen Vereinigung und dann über die Entwicklung der klinischen Theorie in­nerhalb der DPV. In der kurzen Zeit wird nicht mehr als eine Skizzierung möglich sein.

Wie in der deutschen Nachkriegsgeschichte beginnt auch in der Psychoanalytischen Gemeinschaft die kritische Auseinandersetzung und Reflexion der Geschichte der eigenen Gruppenprozesse erst sehr spät – noch später als in der deutschen Gesell­schaft, nämlich nach 1977, dem Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Jerusalem –  und mit der Mitteleuropäischen Tagung der deutsch­sprachigen Psychoanalytischen Vereinigungen 1980 in Bamberg.

Aus diesem Grund verlangt mein Thema zunächst Kritik, soll es nicht Symptom ver­gangener Abwehr der eigenen Geschichte sein. Unsere Nachkriegsgeschichte beginnt eben nicht 1945 – oder für mich als DPV-Analytiker gar erst 1950 mit der Gründung der DPV. Mit 1945 zu beginnen entsprä­che einem „Weitermachen, als ob nichts geschehen wäre“. Die Entwicklung während des Nationalsozialismus ist einzubeziehen, um sehen zu können, dass nicht nur die Geschichte der psychoanalytischen Organisationen sondern auch die Rezeptionsge­schichte der Psychoanalyse in Deutschland nach 1945 davon geprägt wurden.

Mit der Machtübergabe an die „Nationalsozialisten endete eine kreative Phase der Psychoanalyse in Deutschland, so wie diese sich vor allem in Berlin am dortigen Psychoanalytischen Institut entfaltet hatte. Im Zuge der Gleichschaltung trennten sich die nichtjüdischen deutschen Psychoanalytiker von ihren jüdischen Kollegen. Mit der Vertreibung der jüdischen Psychoanalytiker verlagerten sich zugleich die Zentren der Psychoanalyse und ihrer Entwicklung von Wien und Berlin nach London und New York. Die deutschen Psychoanalytiker wollten in der Mehrzahl die Psychoanalyse Freuds bewahren, mußten dabei aber, mehr oder weniger gezwungen, sowohl am Zusammenschluß der psychotherapeutischen Schulen als auch am Projekt einer „deutschen" Psychotherapie mitwirken. Die meisten verschlossen die Augen davor, daß ihre vielfältigen Kompromisse die Psychoanalyse in ihrem Kern verrieten. Psychoanalyse wurde dabei in ein nationales Projekt eingebunden, das auf dem Boden eines rassenbiologischen Denkens entwickelt werden sollte.“ (Bohleber, a.a.O. S. 20f) Diese Betrachtung impliziert z.T. schon selbst wieder einen Rettungsmythos. Es gab Vorstellungen, die Psychoanalyse retten zu können. Es ging aber auch um das legi­time Interesse des eigenen existenziellen und ökonomischen Überlebens. Am wei­testen in seiner Kritik geht Bernd Nitschke (1990), der auch die Haltung der Internati­onalen Psychoanalytischen Vereinigung und damit Freuds anprangert als unpolitisch und zu Kompromissen mit einem Regime bereit, mit dem Kompromisse zu schließen schon bedeute, sich ihm in Handlungen anzugleichen. Tatsächlich hatte der Interna­tionale Kongress in Luzern 1934 beschlossen, die Psychoanalyse streng von allem Politischen abzugrenzen. Politische Themen in den Analysen wurden tabuisiert und den Analytikern verboten, sich politisch zu betätigen. Marie Langer, Ausbildungskandidatin in Wien, drohte der Ausschluss von der Ausbildung, weil sie bei einer Demonstration gegen den Austrofaschismus verhaftet worden war. Nur der Fürsprache ihres Lehranalytikers und vielleicht dem Zufall, dass auch der Sohn des Ausbil­dungsleiters gerade verhaftet war, hatte sie zu verdanken, dass sie ihre Ausbildung fortset­zen durfte.1

Von den 1933 noch 56 Mitgliedern der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft wurden 42 aus der DPG ausgeschlossen, weil sie Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze waren.2 Die Übrigen gingen im Reichsinstitut für Psychologische Forschung und Psychotherapie auf, dem sogenannten Göring-Institut, benannt nach seinem Lei­ter Heinrich Göring, einem Vetter des Reichsmarschalls. 1938 wurde die DPG aufgelöst.

Die Atmosphäre von Gleichschaltung und Anpassung, Verbot der Verwendung psy­choanalytischer „jüdischer“ Terminologie – Freuds Schriften waren verschlossen und konnten nur nach Registrierung des Benutzers eingesehen werden – und das Abgeschnittensein vom internationalen Gedankenaustausch beeinflussten auch die Theorieentwicklung. Das zeigt, wie recht Freud gehabt hatte mit seiner Bemerkung: „Man gibt zunächst in der Terminologie nach und sehr bald dann, ohne es zu merken an­fänglich, auch in der Sache.“ (S. Freud, zit. n. L. Hermanns)

Eine der folgenschweren Entwicklungen der klinischen Theorie dieser Jahre war die Begründung der Neoanalyse durch Harald Schultz-Hencke, eines nach den Schilde­rungen seiner Schüler fesselnden Lehrers. Seine Modifikationen der Psychoanalyse kamen der seelenheilkundlichen Einheitssprache des Nationalsozialismus entgegen.

Schon 1945 wurde die DPG von den im Reichsinstitut überlebenden Analytikern neu konstituiert. Regine Lockot spricht von einer Phase der „Fortsetzung des Opportu­nismus“ bis 1950. Man passte sich den Alliierten an, versuchte sich bei jedem offiziellen Kontakt politisch ins rechte Licht zu setzen. So wurde z.B. berichtet, das Institut sei bei einem Luftangriff zerstört worden. In Wirklichkeit hatten russische Soldaten das Gebäude angezündet, nachdem sie aus dem als Lazarett beflaggten Reichsinsti­tut von der SS beschossen worden waren.3

Die Erfolge – u.a. bei der finanziellen Absicherung, der Gründung des AOK-Instituts Berlin – schienen der neuerlichen Anpassung recht zu geben.

Bei der Gründung der DGPT 1949 hieß es in einem Rundbrief der DPG, dass „die  in der Ostzone lebenden Mitglieder … keine Aufforderung zum Beitritt erhalten sollen“. (zit. n. Lockot, a.a.O. S. 155)  (Es ist meine persönliche Assoziation, dass ich dabei an den erst wenige Jahre zurückliegenden Ausschluss der jüdischen Mitglieder denke.)

Die Mitschuld am Geschehenen wurde verleugnet und über die Zeit im Reichsinstitut herrschte besagter Rettungsmythos vor. Interne Berichte vom Internationalen Kon­gress in Zürich 1949 zeigen deutsche Analytiker „merkwürdig blind für die Verfas­sung ihrer ehemaligen Kollegen,  die Deutschland hatten verlassen müssen.“ (Lockot, a.a.O. S. 140).

Innerhalb der DPG standen in den Nachkriegsjahren zwei Strömungen gegeneinan­der: die eine versuchte, die Entwicklung in Richtung einer Psychotherapie, wie sie in der NS-Zeit begonnen hatte, fortzusetzen; – die andere trachtete, die Psychoanalyse von anderen psychotherapeutischen Richtungen zu befreien und Anschluss an die inzwischen erfolgten internationalen Entwicklungen zu finden. In beiden Strömungen aber gab es keinen Raum für eine Reflexion der gemeinsamen Vergangenheit im Nationalsozialismus, der Kollaboration, der eigenen ideologischen Empfänglichkeit und der dort erhaltenen Begünstigungen.

„Vor der Öffentlichkeit des ersten IPV Nachkriegskongresses in Zürich 1949 de­monstrierten Schultz-Hencke und Müller-Braunschweig die Spaltung in Psychoanaly­se und Neoanalyse im Rahmen der DPG …“ (Hermanns, a.a.O. S. 38) Die Folge war, dass die DPG nur provisorisch in die IPV aufgenommen wurde. Müller-Braunschweig, damals DPG-Vorsitzender, drängte Schultz-Hencke zum Austritt aus der DPG. Da das vergeblich war, bildete er eine eigene Fraktion, handelte heimlich Beitrittskonditionen mit dem Präsidenten der IPA aus und gründete im Sommer 1950 zusammen mit 5 weiteren Mitgliedern die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Der erhoffte Übertritt anderer Nicht-Neoanalytiker blieb aus. So waren die Anfänge der gerade gegründeten DPV eher bescheiden. Doch schon im folgenden Jahr ge­lang nun nach der Trennung von der Neoanalyse die Aufnahme in die IPA.

Bis in die 80-er Jahre, und in manchen Belangen darüber hinaus, standen sich – abgesehen von gemeinsamkeitlichem Vorgehen in der Berufspolitik – DPG und DPV misstrauisch gegenüber. Elemente, die nicht dem Gruppenideal entsprachen, konn­ten der je anderen Gruppe zugeschrieben werden. Während die DPG in der Nachfol­ge Schultz-Henckes für sich reklamieren konnte, „>modern< und klinisch-praktisch kompetent zu sein und sich damit von Freud abwandte, galt die DPV als >orthodox<, anspruchsvoll und, mit ihrer Anbindung an die traditionale internationale psychoana­lytische Gemeinschaft, “ wie „>gereinigt< von der Schuld nationalsozialistischer Kor­rumption.“ (Lockot, a.a.O. S.144)

In der DPV wurde die fachliche Korrumpierung durch die NS-Psychotherapie vor al­lem Schultz-Hencke angelastet, was der Entlastung des „unschuldigen“ Restes dien­te, der sich selbst ebenso politisch und fachlich angepasst hatte.

Die DPV war in ihrer anfänglichen Entwicklung sehr auf die Unterstützung von Lehr­analytiker und Supervisoren aus dem Ausland angewiesen, ohne die ihre Entwick­lung und Blüte nicht möglich geworden wäre. Damit und mit der Abwehr von Schuld­gefühlen ging einher, sich geradezu als eine Art „Musterschüler“ der IPA anzudienen.

So manches Mal noch während meiner Ausbildungszeit hatten wir Kandidaten den Eindruck
als werde besonders in Ausbildungsfragen nach dem großen Bruder in den USA oder in London geschielt. Ich erinnere: beim Internationalen Kongress in Helsinki 1983 war die DPV heftig kritisiert worden ob ihrer enormen Zahl von Ausbildungskandidaten. Diese Quantität müsse auf Kosten der Qualität der Ausbildung gehen. Umgehend wurde in der DPV eine Erhebung begonnen über die Relation der Anzahl von Lehranalytikern und Ausbildungskan­didaten. Das Psychoanalytische Seminar Freiburg lag mit etwa 1:7 und fast 50 Ausbildungs­kandidaten im unteren Mittelbereich der Institute. Schon bald setzten sich bei uns wie an anderen Instituten strikteste Aufnahmepraktiken durch. Nicht nur wurde die Zahl der Kandi­daten gesenkt; es wurden leider auch Kollegen abgelehnt, die wir heute gerne in unseren Reihen sähen.

Bis zum Ende der 50-er Jahre war die DPV fast identisch mit dem Berliner Institut. Seit 1955 entstanden die ersten Arbeitsgruppen in Heidelberg und Hamburg. “Alexander Mitscherlich, ein junger Privatdozent der Neurologie an der Heidelberger Universität, der in der Nazizeit wegen Unterstützung einer „nationalbolschewisti­schen“4 Widerstandsgruppe acht Monate im Zuchthaus gesessen hatte, begann sich beim Aufbau einer psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg zunehmend für Freud zu interessieren. Anfang der fünfziger Jahre kam er von einem For­schungsaufenthalt in den USA als „überzeugter Freudianer" zurück. Durch seine Teilnahme als Beobachter und Berichterstatter bei den Nürnberger Ärzteprozessen, über die er“ 1949 eine heute fast vergessene Buchdokumentation mit dem Titel „Me­dizin ohne Menschlichkeit5  „vorlegte, war er in Teilen der deutschen Ärzteschaft in den Ruf eines „Nestbeschmutzers" geraten, was seine akademische Karriere gefähr­dete.“ (Hermanns, a.a.O. S. 39f)

“Wenn man sich vorstellt, daß es zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt keinen einzigen praktizierenden Analytiker Freudscher Schule gab, so klingt das, was Mitscherlich in der Folgezeit in Frankfurt bewegte, wie ein modernes Märchen. Enttäuscht von der Universität, gelang ihm 1959 in der „kulturellen Nachkriegswüste" der Bundesrepublik (Jürgen Habermas, zit. n. Berger, a. a. O., S. 337) die Gründung eines staatlichen „Instituts und Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatische Medi­zin" in Frankfurt. Mitscherlich baute das Sigmund-Freud-Institut, wie es ab 1964 hieß, zum größten deutschen psychoanalytischen Institut und zu einer sozial­psychologischen Forschungsstätte aus.“ (Hermanns, a.a.O. S. 40)
Die zwischen 1960 und 1962 auf Deutsch erschienene Freudbiographie von Ernest Jones, „in der die reichsdeutschen Psychoanalytiker in einem anderen Licht darge­stellt wurden, als in Deutschland tradiert“, führte genausowenig zu einer umfassende­ren Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit wie die 1967 publizierte Arbeit „Die Un­fähigkeit zu Trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich6. Dabei hatten die Mitscherlichs doch „klinische Konzepte der Psychoanalyse zum Verständnis des Er­innerungstabus in der Nachkriegszeit und des psychosozialen Immobilismus der da­maligen bundesrepublikanischen Gesellschaft fruchtbar gemacht und damit den Ruf der Psychoanalyse als Instrument gesellschaftlicher Aufklärung begründet.“ Sie hat-ten „die Abwehr der Derealisierung und eine emotionale Abkapselung als Schutz vor einer massenhaften Melancholie als Folge des Zusammenbruchs eines idealisierten Führerbildes beschrieben.“ (Bohleber, a.a.O. S. 30f) Vielleicht fand diese Arbeit tat­sächlich größerer Resonanz in der Studentenbewegung für die Auseinandersetzung mit der Generation der eigenen Väter als in der psychoanalytischen Gemeinschaft und auch der DPV. Von daher verwundert es nicht, wenn später gefragt wird, ob Mit­scherlich als kritischer Beobachter der Nürnberger Prozesse7 nicht auch eine Fei­genblattfunktion für die DPV im Nachkriegsdeutschland hatte.
Mit der Gründung neuer Ausbildungsinstitute in den 60-er Jahren –  in Giessen, Frei­burg, Tübingen, Ulm, Köln/Düsseldorf, Kassel – wuchs die DPV rapide. Zählte man 1960 nur knapp 20 Mitglieder waren es 1970 schon 130 und 1980 bereits 350.
Anders als in den 20-er Jahren verschlossen sich die meisten analytischen Institute der Gesellschaftskritik, die nun seit 1968 aus der Studentenbewegung zu ihnen drang. Wolgang Loch, so Eberhardt Richter, „erklärte mir … die 68-Bewegung als eine von Moskau aus inszenierte und gesteuerte Kampagne zur Destabilisierung der westdeutschen Verhältnisse. … Sogar Alexander Mitscherlich … betrachtete die Ju­gendrevolte eher als klinisches Phänomen.“ (Richter, a.a.O. S.170)
Dennoch erlebten die analytischen Institute in der Folge der Studentenbewegung in den 70-ern einen Ansturm von Ausbildungsbewerbern. Denn „die psychoanalytisch­marxistische Haltung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wurde … von Tei­len der Studentenbewegung begeistert aufgenommen.“ (Lockot, a.a.O. S. 145)
Was die DPV damit aber noch nicht erreicht hatte, war die kritische Auseinanderset­zung mit der NS-Vergangenheit der Väter, die die Studentenbewegung in Deutsch­land losgetreten hatte.
„Der nachhaltige Umbruch in der Psychoanalyse in Deutschland zu Beginn der acht­ziger Jahre wurde durch eine andere Entwicklung ausgelöst.“ Beim Kongreß der In­ternationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) in Jerusalem 1977 wurde die Einladung der DPV, zum nächsten Kongress nach Berlin zu kommen, zurück­gewiesen. Heftige emotionale Reaktionen zeigten, „daß die Vergangenheit für die jüdischen Kolleginnen und Kollegen keinesfalls vergangen war. Diese nicht bearbei­tete Problematik explodierte geradezu auf der Tagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen Vereinigungen in Bamberg 1980. Verleugnung und Verschweigen brachen auf.“ Die Wiederveröffentlichung einer Arbeit von Carl Müller-Braunschweig aus dem Jahre 1933 über „Psychoanalyse und nationalsozialistische Weltanschau­ung“ dokumentierte die NS-Verwicklung von Gründervätern der DPV. „ Nach 1980 wurden von den jüngeren Analytikern Fragen an sie gestellt: Wie sie angesichts der Verbrechen … an den Juden … mit den Schuldgefühlen gegenüber den jüdischen Repräsentanten der Psychoanalyse umgingen. Was sie fühlten, als Emigranten zu­rückkamen, um sie Psychoanalyse zu lehren. Welche Auswirkungen die Schuldge­fühle für die eigene psychoanalytische Identitätsbildung hatten. … Dieser ganze Komplex von Fragen und Schuldgefühlen hatte den dynamischen Untergrund gebil­det, auf dem eine Idealisierung der Psychoanalyse erwachsen war, die dann der nächsten Generation gelehrt wurde. Die jungen Analytiker erlebten ihrerseits Selbst­zweifel und eine innere Entwertung, ob sie diesem Ideal gewachsen sein könnten, und hatten mit unflexiblen, rigiden Einstellungen zu kämpfen, ohne den untergründi­gen Zusammenhang mit den Schuldgefühlen ihrer Lehrer zu begreifen.“ (Bohleber, a.a.O. S. 28f)
Eine dramatische Kontroverse innerhalb der DPV fand nun endlich statt und wurde in der Psyche publiziert.8 Ausbildungskandidaten und jüngere DPV-Analytiker zeigten in einer Ausstellung anlässlich des ersten, nach dem Krieg  auf deutschem Boden statt­finden IPA-Kongresses in Hamburg 1985 dezidiert die Geschichte der Psychoanaly­se im Nationalsozialismus und mithin auch den Opportunismus und die Anpassung deutscher Psychoanalytiker. Titel der Ausstellung war: „Hier geht das Leben auf eine merkwürdige Art weiter …“
Werfen wir nun einen Blick auf die Entwicklung der klinischen Theorie in der DPV.
Der Wunsch, zu Freud zurückzukehren, verlangte nicht nur eine Abwendung von der NS-Seelenheilkunde und ihrer Vermischung psychotherapeutischer Schulen. Er er­forderte  auch eine Auseinandersetzung mit philosophischen Einflüssen, maßgeblich mit dem Begegnungsbegriff Martin Bubers und Einflüssen der Existenzphilosophie und Daseinsanalyse, die „gefühlskalte Naturwissenschaft“ und „echte Begegnung“ gegeneinander gestellt hatten. Psychoanalytische Haltung war als mechanistisch oder technisch diskreditiert. 9 Demgegenüber vertrat Mitscherlich zu Beginn der 50-er Jahre eine naturwissenschaftlich verstandene Ich-Psychologie, wie sie Heinz Hart­mann in den USA geprägt hatte. Sie half den deutschen Analytikern, sich von alten spekulativen Begrifflichkeiten zu lösen. Leider gingen dabei aber auch frühe Ansätze einer Psychoanalyse der Intersubjektivität verloren.
In den 50-er und 60-er Jahren herrschte die Ich-Psychologie vor. Andere Richtungen wie die Objektbeziehungspsychologie oder die Kleinianische Psychoanalyse waren zwar durch Dozenten und Supervisoren aus dem Ausland vertreten, wurden aber nicht aufgegriffen. Es ist naheliegend, dass sich darin eine Identifizierung mit Freud und seiner als Begründerin der Ich-Psychologie geltenden Tochter Anna äußerte; eine Identifikation, die der Abwehr eigener Schuldgefühle gegenüber den jüdischen Gründern diente.
Eigenständige Entwicklungen der Psychoanalyse in Deutschland waren Arbeiten zur Psychosomatik, Sozialpsychologie und gesellschaftskritischen Psychoanalyse. Ge­nannt seien vor allem Alexander und Margarete Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter.10
Aufbauend auf der Ich-Psychologie entwickelten Alfred Lorenzer und Hermann Arge­lander das Konzept des „Szenischen Verstehens“, „das sich von der natur­wissenschaftlichen Fundierung in der Ich-Psychologie löste und eine psychoanalyti­sche Hermeneutik begründete.“ (Bohleber, a.a.O. S. 24)  In seiner Bedeutung blieb es auf Deutschland beschränkt. In der Szenischen Information, die der Patient dem Analytiker als Leistung der „szenischen Funktion des Ich“ bietet, versucht dieser un­bewusste Phänomene zu entschlüsseln, wobei sich die Bedeutung eben nicht mehr allein im sprachlichen Ausdruck finden lässt. Die szenische Funktion des Ich schafft nicht eine einfache Reproduktion infantilen Erlebens sondern inszeniert solches der interaktionellen Situation entsprechend. Beim szenischen Verstehen gewinnt die Ge­genübertragung als Instrument des Analytikers eine herausragende Bedeutung. – Dieses Konzept hob die positivistische Perspektive des Analytikers auf und nahm als interaktionelles Modell mit einer eigenen Theorie der Übertragung moderne Auffas­sungen vorweg, war seiner Zeit also voraus.11
Die Objektbeziehungstheorie wurde in der DPV seit den 60-er Jahren zunächst vor allem über Michael Balints Arbeiten rezipiert.
Wolfgang Loch schuf eine eigene Synthese aus der Ich-Psychologie, der Objektbe­ziehungstheorie und der Hermeneutik. Die psychoanalytische Methode als For­schungsmethode besitzt, in ihrer Suche nach der Frage der Wahrheit begründet, eine therapeutische Wirkung.
„Loch versteht die pathologischen seelischen Manifestationen des Patienten als chiff­rierte Mitteilungen und als einen zu interpretierenden Text. Dieser Text stellt eine Antwort auf eine Frage dar, die wir nicht kennen, aber verstehen müssen, um Wort und Verhalten des Patienten interpretieren zu können. Jedem Verstehen vorauslau­fend ist ein Vorverständnis des Textes, das der Interpret mitbringt, und nur indem er dieses Vorverständnis reflektiert, ist ein Verständnis des Textes überhaupt möglich.“ (Bohleber, a.a.O. S. 26)
In seiner Konzeption des analytischen Prozesses umschließt die analytische Situati­on für Loch „virtuell stets drei Personen, den Patienten und den in zwei Beziehungs­figuren aufgespaltenen Analytiker, nämlich in die des Übertragungsobjekts und in die des Objekts, das eine exzentrische Position einnimmt, um die Übertragung explizit zu machen und sie benennen zu können. Die Deutung ist das dritte Element der psy­choanalytischen Situation.
… Deutung schafft auf diese Weise eine neue, von beiden geteilte Realität. Um einen Konsens darüber zu erzielen, muß es einen gemeinsamen Rahmen geben. Er be­steht darin, daß beide, Analytiker und Patient, stillschweigend eine von ihnen unab­hängige Realität voraussetzen, die auch die Idee des wahren Lebens einschließt. (Loch, 1974). Loch bezieht hier eine Mittelstellung zwischen der klassischen Auffas­sung von Übertragung als Wiederfinden des Vergangenen und der modernen Auf­fassung als einer Schöpfung von Analytiker und Patient in der analytischen Bezie­hung.“ (Bohleber, a.a.O. S. 26f)

Hervorgehoben wurde die Bedeutung der kurativen Wirkung der analytischen Bezie­hung auch von Johannes Cremerius, der ebenfalls der Objektbeziehungstheorie Ba­lints verbunden war. In Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Standardmo­dell analytischer Technik, die fälschlicherweise als Freuds eigene gegolten hatte, zeichnete er Freuds wirkliche Analysepraxis nach. Gegen das Primat technischer Regeln setzte er ein prozessuales Verständnis, in dem Regeln relativiert werden in ihrer Einbettung in die Gestaltung der analytischen Beziehung und ausgerichtet sind auf die Ziele des analytischen Prozesses.

Die Beschäftigung mit schweren Persönlichkeitsstörungen in den 70-er Jahren führte in der DPV zu einer Technik-Debatte, in der es mehr um die Besorgnis um die „es­sentials“ gegenüber deren Bedrohung durch geänderte Psychotherapietechniken ging als um eigene kreative Forschung. Vielleicht lag in dieser Ängstlichkeit noch einmal die Furcht verborgen, in das überwunden geglaubte Psychotherapiekonglo­merat der NS-Zeit abrutschen zu können. So wurden denn vorwiegend Ansätze der internationalen Forschung rezipiert wie Kohuts Selbstpsychologie, Kernbergs Arbei­ten über Borderline – und narzisstische Störungen und seit Beginn der 80-er Jahre auch die der Kleinianische Psychoanalyse. Zu deren längst fälliger Beachtung in der DPV mag auch fördernd beigetragen haben, dass – nach dem schon oben erwähn­ten Umbruch der 80-er Jahre – eine enttäuschte Abwendung von der in den Natio­nalsozialismus verwickelten eigenen Tradition zu Idealisierungen der ausländischen Psychoanalyse geführt haben mag.

Auf die neuere Traumaforschung  will ich nur noch insoweit eingehen als ich erwäh­ne, dass sie ihrerseits zeigt, „daß eine Unfähigkeit zu trauern und eine emotionale Abkapselung Folgeerscheinungen von Traumatisierungen sein können“. (Bohleber, a.a.O.S. 31) – Und eben daran hatte auch die DPV zu leiden.

Dem dynamischen Verständnis der Traumaforschung war Alfred Lorenzer in den 60­er Jahren mit seinem an Kriegstraumatisierungen gewonnenen Konzept der zwei­phasigen Abwehr schon sehr nahe gekommen.

Ich komme zum Schluss und fasse zunächst zusammenfassen:
“Die Psychoanalyse hat in Deutschland nach ihrer Zerstörung durch den Nationalso­zialismus ein erstaunliches Wachstum erlebt und sowohl als klinische Methode als auch in den Nachbarwissenschaften und als Methode der gesellschaftlichen Aufklä­rung Anerkennung erfahren. Sie hat wegen ihrer Verstrickung in das NS-Regime und deren spätere Verdrängung einen schmerzlichen Reflexionsprozeß durchlaufen. Ob­wohl sie sich heute mit ihren wissenschaftlichen Leistungen und ihrem klinischen Ni­veau international nicht zu verstecken braucht, wirkt die traumatische Bruchstelle im Nationalsozialismus durch den Holocaust und den Krieg noch heute als eine Wunde, die sich nicht schließen kann.“ (Bohleber, a.a.O. S. 31f)

Umso wichtiger sind die ständige Reflexion und der ständige Austausch, derer nun seit Jahren stattfindet in Gruppenkonferenzen - zwischen deutschen und israelischen Psychoanalytikern, in einer eigenen Organisierung jüdischer Psychoanalytiker in Deutschland, in Gruppenkonferenzen zwischen DPG und DPV - und seit der soge­nannten Wende auch in Konferenzen und Tagungen zwischen west- und ostdeut­schen Analytikern.

In letzteren mag dann auch Aufklärung möglich werden, welche theoretischen und klinischen Differenzen zwischen Ost und West verstanden werden müssen aus dem Umstand, dass in der DDR „Schultz-Henckes Psychoanalyseverständnis … weitge­hend als psychoanalytische Grundlage weiterer Entwicklungen rezipiert worden war“ und begonnen hatte, „dort das Freudsche Konzept zu verdrängen.“ (Lockot, a.a.O. S. 143)

Anmerkungen:
1 Mündliche Mitteilung Marie Langers. Publiziert in ihren Erinnerungen: LANGER, M. (1986): Von Wienbis Managua. Wege einer Psychoanalytikerin. Freiburg i.Brg. (Kore)
2 Lange war unter den Nachkriegsanalytikern verbreitet worden, die jüdischen Mitglieder seien freiwil­lig ausgetreten, um die Existenz der DPG nicht zu gefährden.
3 Lockot (a.a.O. S. 139f) interpretiert diese Geschichtsklitterung in dem Sinne, dass sich mit dem My­thos eines angeblich bis auf die Grundmauern zerstörten Instituts, eine neue DPG wohl besser auf einem völlig zerstörten Reichsinstitut aufbauen ließ. – M.E. lassen sich aber noch weitere Aspekte annehmen: Erstens wird vermieden, dass das Institut in einem Atemzug mit der SS genannt wird. Zweitens könnte man hier den alten Opportunismus in neuem Gewand vermuten: Man will es nicht mit den neuen Machthabern verderben und verschweigt, dass russische Soldaten das Institut anzünde­ten.
4 Diese Anführungszeichen im Zitat wurden von mir gesetzt. (B.M.)
5 MITSCHERLICH, A. und MIELKE, F. (Hrsg.) (1949): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente desNürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt a.M. (Fischer Tb) 1960
6 MITSCHERLICH, A. und M. MITSCHERLICH (1967): Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollek­tiven Verhaltens. München (Piper)
7 siehe Anmerkung 4
8 Psyche 11 (1982) und 12 (1983): „Psychoanalyse unter Hitler“.Redaktion der Psyche (Hrsg.) (1984): Psychoanalyse unter Hitler. Dokumentation einer Kontroverse.Sonderdokumentation zu dem „Offenen Brief“ von U. Ehebald vom 9.2.1984.Psyche 6 (1997): Beiträge von Mitscherlich, Vogt, Bohleber und Brede
9 vgl. Bohleber, a.a.O. S 21-23
10 vgl. Bohleber, a.a.O. S 24
11 vgl. Bohleber, a.a.O. S 24f

Literatur:
BOHLEBER, W. (2001 ):Die Gegenwart der Psychoanalyse. Zur Entwicklung ihrer Theorie und Behandlungstechnik nach 1945. in: BOHLEBER, W. und DREWS, S. (Hrsg.): Die Gegenwart der Psychoana­lyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Klett-Cotta, Stutt­gart 2001
BRECHT, K., FRIEDRICH, V., „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise wei-HERMANNS, L., KAMINER, I. JUE-ter ….“. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. LICH, D. (1985): Ausstellungskatalog. Hamburg (Michael Kellner) – (von mir verwendet: die englischsprachige Ausgabe)
HERMANNS, L. M. (2001):Fünfzig Jahre Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland 1950 bis 2000. in: BOHLEBER, W. und DREWS, S. (Hrsg.): Die Ge­genwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Ge­genwart. Klett-Cotta, Stuttgart 2001
NITZSCHKE, B. (1990):Psychoanalyse und Macht im „Dritten Reich“ - Versuch die historische Realität oder wenigstens einige (Rettungs-) Phan­tasien davon zu rekonstruieren. in ZEPF (Hrsg.): „Wer sich nicht bewegt, der spürt auch seine Fesseln nicht“. Nexus 1990
LOCKOT, R. (2000):Psychoanalytiker eignen sich ihre deutsche Geschichte an.in: SCHLÖSSER, A.-M. und HÖHFELD, K. (Hrsg.) (2000): Psychoanalyse als Beruf. Giessen (Psychosozial-Verlag)
RICHTER, H.-E. (2000):Psychoanalyse in der Gesellschaft. Eine persönliche Rück­schau. in: SCHLÖSSER, A.-M. und HÖHFELD, K. (Hrsg.) (2000): Psychoanalyse als Beruf. Giessen (Psychosozial-Verlag)
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Hans Morgenstern: Die Entstehung des Psychoanalytischen Seminars Freiburg:
Das 25jährige Bestehen des Psychoanalytischen Seminars Freiburg weckte den Wunsch, Erinnerung zu notieren und in Kurzform für heutige Angehörige des Seminars, ehemals Beteiligte und Gäste unserer Jubiläumsfeier verfügbar zu machen. Mit diesem Ziel haben sich 8 unserer Mitglieder, zumeist der Gründergeneration zugehörend, einen Abend lang zusammengesetzt, um Wissen, Erinnerung vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Die Teilnehmer dieser Runde waren: Wolfgang Auchter, Renate Belke, Barbara Harnasch, Käte Harder, Hans Morgenstern, Rosemarie Münzlaff, Irmgard Schilling und Raimar Schilling (leider erlaubt die gebotene Kürze keine Mitteilung des dabei utage getretenen Anekdotenschatzes, der mit den vielen unkonventionellen Verhältnissen der Frühzeit verknüpft ist) . Die Keimzelle des sich noch ungeordnet entwickelnden Interesses an der Psychoanalyse war um 1960 das Oberarztzimmer von M. Bister in der Psychiatrischen Universitätsklinik -eine in der damaligen deutschen Psychiatrie gänzlich ungewöhnliche Erscheinung, die durch den damaligen Ordinarius, Herrn Prof. Ruffin ermöglicht wurde, der diesem Interesse einiger seiner Mitarbeiter mit förderlichem Wohlwollen gegenüberstand und sich damit bleibenden Dank der Freiburger Psychoanalytiker verdient hat. Dieser Freiburger Glücksfall wurde noch ergänzt durch die Persönlichkeit des Ordinarius für Psychologie, Herrn Prof. Heiss, bei dem man eine ausgezeichnete Vorlesung über "Tiefenpsychologie" hören konnte. In der Bibliothek der Nervenklinik hielten Bister und Hans Goeppert Seminare über tiefenpsychologisch­psychoanalytische Themen (die "Märchenseminare" von Goeppert sind legendär geworden), daneben gab es Fallbesprechungen, und jeder versuchte, auf seine Weise an die Psychoanalyse heranzukommen. Die Gruppe der dergestalt interessierten Assistenten bestand aus Frau Schilling, Herrn Schilling, Frau Harnasch, Herrn Heising, Herrn Ohlmeier, Herrn Pohlen, Frau Münzlaff, etwas später Frau Belke und Frau Krejci (die dem unordentlichen Haufen zunächst eher skeptisch gegenüberstand). Seine Analysen suchte man sich bei Herrn Schotte, (einem Belgier, der in der Karlstrasse seine etwas unkonventionelle Praxis hatte), bei Herrn Schraml, der aus München von Riemann gekommen war, und bei Sarasin in Basel. 1962 schliesslich sprach sich herum, daß aus Berlin ein Lehranalytiker der DPV nach Freiburg gekommen war. Dies war die Ankunft von Herrn Auchter und Freiburg hatte nun seinen ersten und einzigen wirklichen Psychoanalytiker. Seine Couch wurde rasch der Ort, wo die Mehrzahl der vorhin Genannten ihre Analyse suchten. Gleichzeitig wurde seine Praxis in der Konradstraße der Versammlungsort für die kleine Gruppe derjenigen, die unter seiner Verhandlungs-und Federführung auf die Gründung eines Freiburger Seminars hinarbeiteten. Inzwischen hatte sich in Umkirch, auf Initiative des Internisten Prof. Heilmeyer, eine psychosomatische Klinik etabliert, die von Herrn Enke geleitet wurde, einem DPG-Mitglied, der 1964 Herrn Hau aus Göttingen nach Freiburg holte. Die DPG galt seit Anfang der 50-er Jahre in der Öffentlichkeit als die fortschrittlichere, aktivere und lebendigere Gruppe ("Neoanalyse" im Vergleich zur "orthodoxen" DPV). Es gab starke Bestrebungen seitens der DPG, eine Art DGPPT zu errichten, die bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen scheiterten schliesslich an der Unvereinbarkeit der Positionen. Für Herrn chter und seine Gruppe hatte die Sicherung der Unterstützung,welche sie seitens der DPV erfuhr (und im Falle eines Gemeinschaftsinstituts verloren hätte), unbedingte Priorität. So kam es Anfang 1965 zur Gründung eines DPG-Institutus und, ein halbes Jahr später,zur Gründung des Psychoanalytischen Seminars Freiburg. Eine bedeutende und hilfreiche Rolle hatte dabei der damalige Vorsitzende der DPV, Horst Eberhard Richter, dem es zu danken ist, daß die DPV den etwas unorthodoxen Seminarbetrieb mitgetragen hat. Schliesslich waren bei der Gründung des Seminars von den drei Gründungsmitgliedern zwei (Schraml und Goeppert) affiliierte Mitglieder. Damit war ein bis heute erkennbares Spezificum des PSF etabliert, nämlich die starke, tragende Bedeutung der affiliierten Mitglieder. 1968 wurde die Studentenberatungsstelle eröffnet und zunächst von Herrn Schilling als Ein-Personen-Betrieb geführt. Die spätere Erweiterung auf 4 Stellen bot Kandidaten des PSF eine Existenzgrundlage. Noch heute, jetzt unter der Leitung von Frau Krejci, kommen die Mitarbeiter überwiegend aus den Reihen des PSF. 1972, also 7 Jahre nach Gründung, kam mit Johannes Cremerius, dessen Lehrstuhl für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin weitere Ausbildungskandidaten anzog und ihnen Brot und Arbeit gab, das Ende des Notstands, in dem sich ein Seminar mit nur einem Lehranalytiker befindet. Die gewonnene Schwerkraft zeigte sich in den folgenden Jahren darin, daß in relativ rascher Folge weitere Lehranalytiker von auswärts (Ann Arbor, Tübingen, Ulm) sich in Freiburg niederliessen. Vielleicht stellt die Tatsache, daß mit einer Ausnahme (R.Schilling) die Freiburger Lehranalytiker , es sind heute acht, von ausserhalb gekommen sind, noch eine Freiburger Besonderheit dar, die unsere Integrationsfähigkeit gelegentlich auf die Probe stellt. Im Übrigen jedoch ist das PSF heute ein Institut wie andere in der DPV auch, und die Unverwechselbarkeit seiner Geschichte und seiner Atmosphäre war mit den Erweiterungen in der ersten Hälfte der Siebziger Jahre zuende gegangen. Dieser kurze Überblick darf aber nicht enden, ohne zwei bedeutsame Weisen der Hilfeleistung zu würdigen, die unser Seminar in seiner Aufbauphase erfahren hat: die eine ist die Zusammenarbeit mit dem Basler Seminar, das uns mit seiner Gastfreundschaft bei Veranstaltungen und mit der Verfügbarkeit von Lehranalytikern (Lambelet, Dreyfus in erster Linie) und Supervisoren unterstützt hat und zu dem nach wie vor freundschaftliche Beziehungen bestehen. Die zweite kam aus der DPV und wurde getragen von ausgezeichneten Kollegen, die sich zu regelmässigen Gastvorträgen, meist mit anschliessenden Supervisionen, bereit gefunden haben. Unsere Dankbarkeit gilt hier vor allem Herrn Loch, Herrn de Boor, Herrn Fürstenau, sowie, aus Bern, Herrn Blum. Die Nachbarschaft zu der Schweiz und zum Elsass hat eine Zeitlang Pläne entstehen lassen, mit Basel und Straßburg ein erstes europäisches psychoanalytisches Institut ins Leben zu rufen, dies liess sich jedoch nicht realisieren. 1976 konnten durch eine grosse finanzielle Anstrengung aller Mitglieder die Räume in der Schwaighofstrasse gemietet und benutzbar gemacht werden. Damit hatte der heute 25-jährige Jubilar auch äusserlich zur Unabhängigkeit des Erwachsenen gefunden.


Hans Morgenstern, 1990
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Thomas Bender*: Das Psychoanalytische Seminar Freiburg. Geschichte, Ziele, Inhalte, Leitgedanken der Aus- und Weiterbildung:
*Vortragsabend an der Klinik für Psychiatrie und PsychosomatikAbteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am 24.6.2005
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

in einer Stadt mit der pro Kopf höchsten Psychotherapeutendichte in Deutschland mag es schon eine besondere, über sie hinausweisende Bedeutung haben, wenn Mitglieder bislang eher konkurrierender, meist aber sich ignorierender Ausbildungs-Institute zusammentreffen, um gemeinsam für die Psychoanalyse zu werben und an ihre Tradition zu erinnern. Deshalb möchte ich vorab den Initiatoren danken, die zumindest mit diesem Abend eine unproduktive Grabenmentalität überwinden und die hiesige psychoanalytische Szene zugleich bekannter und transparenter machen. Ich habe nun die Ehre, Ihnen in der gebotenen Kürze das Psychoanalytische Seminar Freiburg vorzustellen, also das hiesige Ausbildungsinstitut der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, in deren Geschichte Sie unser geschäftsführender Vorsitzender Bernd Münk eingeführt hat. Ich selbst habe meine Ausbildung zum Psychoanalytiker in den 90er Jahren an diesem Institut abgeschlossen und gehöre damit zu einer neuen Generation, die die Grabenkämpfe der Gründergeneration nur vom Hörensagen kennt. Der Nimbus des Überragenden,  ja Unantastbaren, der von den Gründervätern häufig verbreitete wurde, ist uns ziemlich fremd geworden und erscheint Einigen gar als eine sublimierte Form von Phallokratie. Auch wenn es dem Ruf des PSF aus dieser Zeit widerspricht, wir, die wir in den letzten 10 bis 15 Jahren selber Mitglieder geworden sind, fühlen uns durchaus modern und lebendig, sind jedenfalls keine „sprechende Attrappen“ hinter der Couch und Kooperation in allen Lebensbereichen gewohnt. Heute leiden wir mehr unter der zunehmenden gesell­schaftlichen Isolierung der Psychoanalyse, um deren Überleben wir uns Sorgen machen; und das nicht nur, weil auch an unserem Institut die Anmeldungen zur Ausbildung drastisch zurückgegangen sind, sondern weil die gesamte gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung mit ihrem eindimensionalen Effektivitätsdenken das psychoanalytische Wissen um die tieferen Sinnzusammenhänge des menschlichen Lebens bedroht.

Ich bin deshalb froh um diese Gelegenheit, hier an eine Traditionslinie psychoanalytischen Denkens in Freiburg erinnern zu dürfen, deren Wurzeln damals noch beein­druckend tief in der Universität, der „Alma Mater“ der wissenschaftlichen und geistigen Kultur dieses Landes, verankert waren – wobei ich allerdings nur über die Zeit nach 1945 sprechen kann. Um konkret zu werden: Gleich sage und schreibe drei Lehrstühle können als Keimzellen der Psychoanalyse in Freiburg betrachtet werden: der Lehrstuhl für Psychiatrie von Prof. Ruffin, der Lehrstuhl für Innere Medizin von Prof. Heilmeyer und der Lehrstuhl für Psychologie von Prof. Heiss, dessen anfänglich einziger Fachkollege Prof. Bender bekanntlich der Psychoanalyse gegenüber durchaus aufgeschlossen war. Allerdings hatte die Psychoanalyse auch an anderen Fakultäten treue Sympathisanten, wenn ich nur an Prof. Behrendt bei den Juristen und später Prof. Pietzcker bei den Germanisten erinnern darf. Prof. Heiss kam von der Wehrmachtspsychologie, entwickelte sich zu einem Experten für projektive Testver­fahren und schrieb ein Lehrbuch der Tiefenpsychologie, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Er holte Prof. Schraml, der bei Riemann in München war, ein Arzt und Psychologe, den die Studenten äußerst schätzten und dem es zum Beispiel gelang, bereits 1964 seinen befreundeten Kollegen Alexander Mitscherlich (kurz nach seiner USA-Vortragsreise) zu einem Aufsehen erregenden Vortrag über die „Unfähigkeit zu trauern“ nach Freiburg einzuladen. Prof. Schraml unterstützte als DGPT-Mitglied maßgeblich den Aufbau des PSF, an dessen offizieller Gründung 1974 er aber wegen einer schweren Erkrankung nicht mehr teilnehmen konnte, an der er im gleichen Jahr, erst 52-jährig, verstarb.

Das klinische Fundament der Psychoanalyse in Freiburg wuchs unter Ruffin und Heilmeyer heran. Bei Ruffin in der Psychiatrischen Universitätsklinik arbeiteten die Oberärzte Bister und Hans Goeppert, die gemeinsam Seminare über tiefenpsycho­logisch-psychoanalytische Themen abhielten, in denen eine tiefe und offensichtlich bis heute anhaltende Identifizierung mit der Psychoanalyse gefördert wurde. Diese Wirkung ist aber von der ungewöhnlichen Persönlichkeit beider nicht zu trennen. So wurden die sogenannten „Märchenseminare“ von Hans Goeppert, wie Hans Morgenstern formulierte, „legendär“. Eine ganze Gruppe von Assistenten des Lehrstuhls Ruffin gehörte zu den Gründungsmitgliedern des PSF und einige von Ihnen wurden später selbst zu Lehranalytikern der DPV und prägen bis heute die inhaltliche Aus­richtung unseres Instituts. Zu dieser Gruppe der Assistenten bei Ruffin gehörte der Lehranalytiker Raimar Schilling, der 1968 die Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studenten der Universität Freiburg eröffnete, an der viele Kandidaten des PSF eine Anstellung fanden; sowie die Lehranalytikerin Erika Krecji, spätere Leiterin der PBS und heute renommierte Vertreterin der Lehren Melanie Kleins und Wilfred Bions. Aber auch die damalige Assistentinnen Irmgard Schilling und Rosemarie Münzlaff wurden zu tragenden Säulen des Ausbildungsbetriebs und die spätere Oberärztin Renate Belke arbeitet heute noch quicklebendig in unserer Gruppe der Kinderanalytiker mit.
Am Lehrstuhl von Prof. Heilmeyer in der Inneren Medizin war es der Oberarzt Clauser, der in einer Zeit leibseelische Wirkungszusammenhänge erforschte, in der Psychosomatik für die meisten noch ein absolutes Fremdwort war, und der den Auf­bau der ersten psychosomatischen Klinik Freiburgs in Umkirch leitete, was dann von dem DPG-Mitglied Enke übernommen wurde, der wiederum Hau aus Göttingen nach Freiburg holte, der 1965 das DPG-Institut mitbegründete; eine Traditionslinie, über die Sie aber heute Abend genauer Herr Wessels informiert hat. Eine für die Ge­schichte des PSF wichtige Entscheidung der Universität war die Zusammenlegung des psychotherapeutischen Bereiches der Psychiatrie und des psychosomatischen Bereiches der Inneren Medizin zu einer selbstständigen Abteilung mit einem eigenen Lehrstuhl für Psychotherapie und Psychosomatik. Denn sie brachte 1972 das DPV-Mitglied Prof. Johannes Cremerius nach Freiburg, der damit dem damaligen kommis­sarischen Leiter der Klinik in Umkirch Hau quasi vorgesetzt wurde und der ein neues Institut in der Habsburgerstrasse aufbauen konnte. Cremerius wurde für lange Zeit zu einer prägenden und bestimmenden Persönlichkeit am Seminar, das sich nun deut­lich zu vergrößern begann. Mit ihm kamen die Meinshausens, sowie aus der psycho­somatischen Klinik Gengenbach Wolf-Helmut Hoffmeister und Winfried Trimborn, der später Lehranalytiker und Vorsitzender der DPV wurde und der ebenfalls bis heute zu den aktivsten Mitgliedern des PSF gehört. Nicht zu vergessen das DPV-Mitglied Sven Olaf Hoffmann, der aus Berlin als Assistent zwecks Habilitation zu Cremerius kam und der etliche bedeutende, über Deutschland hinaus bekannt gewordene klinische Beiträge liefern konnte, am PSF selbst aber weniger nachhaltig in Erschei­nung trat.

Dies waren also drei entscheidende institutionelle Verankerungen psychoanalyti­schen Denkens in Freiburg in der Gründungsphase des PSF, die eigentlich 1963 mit der Ankunft des ersten DPV-Lehranalytikers Wolfgang Auchter einsetzte und die 1965 mit Unterstützung des damaligen DPV-Vorsitzenden Horst Eberhardt Richter zunächst zur Gründung eines DPV-Instituts „im Aufbau“ führte. Dieser Aufbau wurde, wie bereits erwähnt, erst am 25. April 1974 mit der Gründung des Vereins abge­schlossen, eine Zeit, in der nach dem Ausfall von Schraml Wolfgang Auchter ziem­lich alleine an der Spitze stand, an die auch Cremerius drängte, so dass es zwischen diesen äußerst unterschiedlichen Persönlichkeiten zu heftigen Spannungen kam, die selbst der zwischenzeitlich aus Ann Arbor (USA) hinzugekommene Lehranalytiker Prof. Frank Wyatt nicht mehr mindern konnte. Gerade mal ein Jahr, nachdem das PSF seine jetzigen Seminarräume in der Schwaighofstrasse bezogen hatte, kam es 1978 zu einer krisenhaften Zuspitzung und schließlich zum Rückzug von Wolfgang Auchter und Cremerius, was aber langfristig zu einer Versachlichung und Intensivier­ung der inhaltlichen Arbeit führte, zumal die Zahl der Ausbildungskandidaten erheblich angestiegen war.

Wenn ich nun die wichtigsten inhaltlichen Ausrichtungen und deren Vertreter am PSF in den letzten 25 Jahren umreißen soll, so kann ich in der Kürze auf eine ganze Reihe von jüngeren Mitgliedern nicht näher eingehen, die, zum Teil mittlerweile selbst zu Lehranalytikern geworden, am Seminarbetrieb teilnehmen oder teilgenom­men haben oder die sich heute in leitenden Positionen außerhalb befinden, wie z.B. Prof. Gottfried Fischer in Köln und Prof. Peter Riedesser in Hamburg, dem das PSF und insbesondere unser „Verein zur Förderung der Psychoanalyse bei Kindern und Jugendlichen“ bis heute anhaltende Unterstützung verdankt. Neben Krecji und Schilling gehörten vor allem ein Lehranalytiker und zwei Lehranalytikerinnen zum psychoanalytischen Rückgrat des PSF, von denen eine an dessen Aufbau noch selbst beteiligt war: Emma Moersch, die Übersetzerin des Vokabulars der Psycho­analyse von Laplanche und Pontalis, die 1966 von Freiburg zu Prof. Israel nach Straßburg ging und danach ca. 20 Jahre lang zuerst Assistentin von Alexander Mitscherlich und dann Leiterin der Abteilung Klinische Psychoanalyse am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt war. Emma Moersch hat am Seminar das begrifflich klare und eindeutige analytische Denken sehr gefördert und gefordert, womit sie nicht immer auf Gegenliebe stieß. Sie stand und steht in einem regen Austausch mit Kollegen in Paris und repräsentiert am Seminar in einer unnachahmlich direkten Art und Weise die in der Psychoanalyse insgesamt schwächer gewordene Verbindung zu Sigmund Freud auf einem internationalen Niveau. Die zweite Lehranalytikerin, die viele meiner Generation geprägt hat, ist Lore Schacht, die ebenfalls Assistentin bei Mitscherlich war, und zwar während seiner Zeit in der ersten psychosomatischen Klinik Deutschlands nach 1945 in Heidelberg, dann aber sich von Mitscherlich trennte und nach England zu Winnicott ging, dessen Geist und Impetus sie mit ihrer unge­wöhnlich unterstützenden Offenheit nach Freiburg brachte, weshalb am PSF eine Zeitlang die Idee ventiliert wurde, sich in „Winnicott-Institut“ umzubenennen. Lore Schacht war nicht nur die erste Frau auf dem Vorsitz der DPV sondern auch im Vorstand der IPV bzw. IPA tätig, wo sie unter anderem zusammen mit Sandler 1993 den denkwürdigen IPA-Kongress in Amsterdam organisierte. Ihrer Arbeit mit Kindern ist es wohl zu verdanken, dass sie, obschon eine stets viel beschäftigte Analytikerin, den Draht zur Kreativität ihres eigenen Unbewussten aufrecht erhalten konnte und (besonders in den letzten Jahren) die Muse fand, selbst künstlerisch aktiv zu sein. Sie ist eine Analytikerin, die es versteht, Brücken zu schlagen, was Sie zum Beispiel daran erkennen können, das einige ihrer Bilder derzeit im Institut der DPG in Freiburg aushängen.

Die dritte starke inhaltliche Strömung kam mit Frau Klöß-Rotmann und Herrn Rot­mann aus Ulm ans PSF. Sie hatten zuletzt Anfang Februar diesen Jahres die Gele­genheit, etwas von dem Ulmer Arbeits- und Denkstil mitzubekommen, wenn Sie den Vortrag von Horst Kächele an dieser Abteilung gehört haben, mit dem beide eng zusammengearbeitet haben. Aber sicherlich werden viele von Ihnen das „Lehrbuch der Psychoanalytischen Therapie“ kennen, das auf der Basis der genauen Unter­suchung psychoanalytischer Behandlungsprozesse entstand. Johann Michael Rotmann hat während seiner Zeit in Freiburg die Bedeutung und das Handling psychoanalytischer Präsenz im unmittelbaren Kontakt mit dem Patienten vermittelt, wobei er theo-retisch unter anderem auf Merton Gill zurückgriff und damit eine Form von Analyse repräsentierte, wie sie in den angelsächsischen Ländern, besonders in den USA, unter den jüngeren Kollegen sehr verbreitet ist. In meinen eigenen, einfachen Worten ausgedrückt, ist dies eine Psychoanalyse, die unerschrocken und direkt auf das Übertragungsgeschehen eingeht, dabei aber anders als bei einer kleinianisch ausgerichteten Technik sich stark an das Ich des  Patienten richtet, dessen Begehren Vorrang hat; also eine moderne Form von Psychoanalyse, die auf der früher vorherrschenden analytischen Ich-Psychologie aufbauen kann und die die Behandlung auf unbewusste Konflikte fokussiert.

Während noch bis in die 80 er Jahre hinein die Schatten der großen Alten sich in Diadochenkämpfen über das Seminar legten, gewann es als Ausbildungsinstitut an der Schwelle zu den 90 er Jahren eine neue Kohärenz. Eine vorbildliche Reihe von Vorlesungen über die wichtigsten Köpfe der Psychoanalyse nach Freud von Klein und Winnicott bis Gill und Roy Schäfer, vermittelte über mehrere Semester eine Vorstellung -oder zumindest Ahnung -von der notwendigen Integration der Erfahrung und des Wissens ihrer verschiedenen Schulen, um das Überleben der Psychoanalyse zu sichern; eine notwendige Anstrengung, die leider bis  heute auf sich warten lässt. Aber die Atmosphäre am Seminar wurde toleranter und offener und immer mehr jüngere Mitglieder übernahmen Funktion und Verantwortung, so dass man in der DPV schließlich den Eindruck gewann, wie es ein Lehranalytiker wenig schmeichelhaft aber durchaus entlastend ausdrückte, dass das PSF mit der Zeit ein DPV-Institut geworden ist , „wie andere auch“ – obwohl wir selbst doch gerne mit dem Etikett kokettieren: „klein, aber fein !“. Der Narzissmus der kleinen Differenz hat sich nun unter dem Druck der letzten großen Hürde zur Sicherung der Zukunft des Seminars weiter reduziert. Statt einer offiziellen 25-Jahr-Feier der Vereinsgründung de jure bekamen wir 1999, wenn ich so sagen darf, das Psychotherapeutengesetz serviert und damit eine Dauerbeschäftigung vor allem für den Vorstand, der nun unseren Aus-, Weiter- und Fortbildungsbetrieb mit den neuen Systemen des Gesundheitswesens in Deutschland kompatibel machen musste. Wir haben uns an dieser Kröte nicht verschluckt, was insbesondere dem unermüdlichen Einsatz von Frau Kremp-Ottenheym, Frau Klöß-Rotmann und Bernd Münk zu verdanken ist. Heute hat das PSF die staatliche Annerkennung des Regierungspräsidiums Stuttgart als Ausbildungsstätte im Sinne des PTG und ist ein von der DGPT, der Landesärzte­kammer Baden-Württemberg und der KBV anerkanntes Aus- und Weiterbildungs­institut, das mit seinen 66 Mitgliedern und 11 Kandidaten und mit seinen Ambulanzen einen wichtigen Beitrag zur psychotherapeutischen Versorgung in der Region bietet.

In der Ambulanz des Seminars in der Schwaighofstrasse melden sich Ratsuchende aus allen Bevölkerungsschichten, derzeit zwischen 50 und 60 im Jahr, erhalten klärende Gespräche und werden an niedergelassene Kollegen weitervermittelt. Außerdem unterhält das PSF eine Ethno-Ambulanz für verfolgte und traumatisierte Flüchtlinge und deren Kinder, die von unseren Mitgliedern Gehad Mazarweh und Angelika Rees aufgebaut wurde, sowie in Kooperation mit der DPG eine Baby-Ambulanz für Eltern mit Babys und Kleinkindern. Darüber hinaus sind wir nach wie vor mit Erfolg bemüht, namhafte Analytiker und Referenten anderer Wissenschafts­disziplinen zu Vorträgen einzuladen, die sich mit den Fortschritten in der Psycho­analyse und mit gesellschaftlichen Entwicklungen befassen, die für unsere Arbeit von Bedeutung sind. So wird in zwei Wochen, am 8. Juli 2005, in der Schwaighofstrasse die Berliner Soziologin Prof. Sigrun Anselm die eingangs angesprochene Frage zur Diskussion stellen, ob die Psychoanalyse das Ende der bürgerlichen Kultur überhaupt überleben kann?

Meine Redezeit ist nun fast abgelaufen und Sie wundern sich vielleicht, weshalb ich noch nichts zu den Zielen, Inhalten und Leitgedanken der Aus- und Weiterbildung am PSF gesagt habe. Die Sache ist ganz einfach und kann kurz gehalten werden, denn die inhaltlichen Orientierungspunkte unseres Instituts habe ich Ihnen ja eben skiz­ziert. In erster Linie betreibt das PSF die Ausbildung zum Psychoanalytiker nach den Richtlinien der DPV, die zugleich den Richtlinien der IPV entsprechen und die in Regel auf einer der beiden jährlichen nationalen Tagungen der DPV mit der Darstel­lung einer erfolgreich durchgeführten, hochfrequenten analytischen Behandlung vor den Kollegen anderer DPV-Institute abgeschlossen wird. Man muss sich für diese Ausbildung bewerben – trotz gesunkener Nachfrage werden die Bewerber nach wie vor auf ihre Eignung hin geprüft – und nach der Zulassung sich auf eine wöchentlich mindestens 4-stündige Lehranalyse einlassen, mit der die Ausbildung offiziell beginnt und die sie bis zum Abschlusskolloquium begleiten soll. In der ersten Hälfte der Aus­bildung wird die klinische Kompetenz überwiegend in der Durchführung probatorisch­er Sitzungen (z.B. in unserer Ambulanz)entwickelt und nach dem Vorkolloquium kann der Kandidat unter Supervision selber Analysen, d.h. analytische Psychotherapien durchführen. Bernd Münk hat einmal ausgerechnet, dass sich die Ausbildungskosten auf wenige tausend Euro reduzieren, wenn der Kandidat seine Einnahmen aus seinen analytischen Psychotherapien nach dem Vorkolloquium gegenrechnet. Dem ist nur hinzuzufügen, dass ja bekanntlich alle Weiterbildungskosten von der Steuer abgesetzt werden können und sich somit netto nochmals bis zu einem Drittel redu­zieren. Hat der fortgeschrittene Kandidat im Laufe seiner Ausbildung die Anforder­ungen für eine Kassenzulassung erreicht, so kann er noch vor dem Kolloquium am PSF als Mediziner den Abschluss für den Zusatztitel Psychoanalyse machen oder als Psychologe beim Regierungspräsidium die staatliche Prüfung zum Psychologischen Psychotherapeuten nach dem PTG ablegen, was dem Kandidaten die Möglichkeit einer selbstständigen Existenz verschafft, sofern er einen Kassensitz bekommt. Die Lehrangebote des PSF können zum Teil auch für die gesetzlich vorgeschriebene Fortbildung der psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten genutzt werden. Wenn Sie Interesse haben, erkundigen Sie sich am besten beim geschäftsführenden Vorstand oder bei der Leiterin des örtlichen Ausbildungsausschusses (derzeit Frau Erika Kittler), die Ihnen für eine persönliche Beratung zur Verfügung stehen. Eine weitere Möglichkeit der Information bietet unsere Homepage www.psf.dpv-psa.de , über die Sie sich demnächst auch unsere heutigen Vorträge nochmals ansehen können. Last but not least können Sie natürlich auch in unserem Sekretariat nachfragen, das in der Woche (außer Mittwochs) von 10 bis 12Uhr30 besetzt ist.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Thomas Bender
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Die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden des Psychoanalytischen Seminars seit seiner Gründung:
Stellvertretende Vorsitzende sind nach Satzung immer die Leiter des örtlichen Ausbildungsausschusses
Zeitraum
1974 - 1980
1980 - 1982
1982 - 1984
1984 - 1986
1986 - 1988
1988 - 1990
1990 - 1992
1992 - 1994
1994 - 1996
1996 - 1998
1998 - 2000
2000 - 2002
2002 - 2004
2004 - 2006
2006 - 2008
2008 - 2010
2010 - 2012
2012 - 2014
2014 - 2016
geschäftsführende Vorsitzende
Gründungsvorsitzender:
Frederic Wyatt
Frederic Wyatt
Raimar Schilling
Michael Rotmann
Michael Rotmann
Winfried Trimborn
Winfried Trimborn
Winfried Trimborn
Helga Kremp-Ottenheym
Helga Kremp-Ottenheym
Bernd Münk
Bernd Münk
Bernd Münk
Bernd Münk
Aydan Özdaglar
Aydan Özdaglar
Norbert Flügel
Norbert Flügel
Ausbildungsleiter
Wolfgang Auchter
Johannes Cremerius
Johannes Cremerius
Lore Schacht
Lore Schacht
Lore Schacht
Hans Morgenstern
Raimar Schilling
Raimar Schilling
Erika Krejci
Erika Krejci
Lisbeth Klöß-Rotmann
Lisbeth Klöß-Rotmann
Erika Kittler
Erika Kittler
Carmen Wenk-Reich
Carmen Wenk-Reich
Helga Kremp-Ottenheym
Helga Kremp-Ottenheym
Zeitraum
1974 - 1980
1980 - 1982
1982 - 1984
1984 - 1986
1986 - 1988
1988 - 1990
1990 - 1992
1992 - 1994
1994 - 1996
1996 - 1998
1998 - 2000
2000 - 2002
2002 - 2004
2004 - 2006
2006 - 2008
2008 - 2010
2010 - 2012
2012 - 2014
2014 - 2016
geschäftsführende Vorsitzende
Gründungsvorsitzender:
Frederic Wyatt
Frederic Wyatt
Raimar Schilling
Michael Rotmann
Michael Rotmann
Winfried Trimborn
Winfried Trimborn
Winfried Trimborn
Helga Kremp-Ottenheym
Helga Kremp-Ottenheym
Bernd Münk
Bernd Münk
Bernd Münk
Bernd Münk
Aydan Özdaglar
Aydan Özdaglar
Norbert Flügel
Norbert Flügel
Ausbildungsleiter
Wolfgang Auchter
Johannes Cremerius
Johannes Cremerius
Lore Schacht
Lore Schacht
Lore Schacht
Hans Morgenstern
Raimar Schilling
Raimar Schilling
Erika Krejci
Erika Krejci
Lisbeth Klöß-Rotmann
Lisbeth Klöß-Rotmann
Erika Kittler
Erika Kittler
Carmen Wenk-Reich
Carmen Wenk-Reich
Helga Kremp-Ottenheym
Helga Kremp-Ottenheym
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